Buchausschnitt aus: Zeugen für das Jenseits: Origenes, Katharina von Genua, Emanuel Swedenborg, Anna Katharina, Emmerick, Jakob Lorber, Klara Kern

Autor: Aglaja Heintschel-Heinegg (Zürich, Swedenborg-Verlag, 1974)


An einen Freund schrieb Lorber im Jahr 1858 über die in ihm redende Geistesquelle, die er als die Stimme Jesu Christi, das lebendige Wort Gottes empfand: »Bezüglich des inneren Wortes, wie man dasselbe vernimmt, kann ich, von mir selbst sprechend, nur sagen, daß ich des Herrn heiligstes Wort stets in der Gegend des Herzens wie einen höchst klaren Gedanken, licht und rein, wie ausgesprochene Worte, vernehme. Niemand, mir noch so nahe stehend, kann etwas von irgendeiner Stimme hören. Für mich erklingt diese Gnadenstimme aber dennoch heller als jeder noch so laute materielle Ton. – Das ist aber nun auch schon alles, was ich Ihnen aus meiner Erfahrung sagen kann.«


Ermittlungen


Der Inhalt dieser erstaunlichen Diktate überstieg auf jeden Fall bei weitem die Fähigkeiten und den geistigen Horizont des Schreibers. Lorbers Freunde haben die Herkunft des Diktats aus einer außerhalb seiner Person gelegenen Quelle zu überprüfen versucht, so gut ihnen das möglich war, jeder auf seine eigene Weise. Frau Antonia Großheim zum Beispiel durchstöberte streng Lorbers Kasten und Tischlade nach etwa heimlich benützten Büchern und Schriften; es fand sich jedoch nichts außer der Bibel. Leitner selbst hält mehrere interessante Beispiele dafür fest, daß Lorber mitunter einzelne Worte des Diktats fremd und unverständlich waren, dass er Vergleiche falsch auffaßte; er diskutierte dann mit dem Freund darüber, und sie schlugen im Wörterbuch nach. - Am wichtigsten ist der folgende Bericht, der unter anderem auch zeigt, wie sorgfältig man bei der Überprüfung vorging:

»Am 25. Juni 1844 gab mir Anselm Hüttenbrenner einen Aufsatz Lorbers zu lesen, welchen dieser zwei Tage vorher niedergeschrieben hatte. Es wurde darin kundgetan, daß Schelling, Steffens und Gustav A. berufen oder vielmehr auserwählt seien, um unter den Protestanten die Gemüter auf das Erscheinen dieser neuen theosophischen Schriften vorzubereiten. Zur Bestätigung dessen waren darin zwei Stellen aus dem Werke Steffens: „Die falsche Theologie und der wahre Glaube" mit genauer Angabe der bezüglichen Seitenzahlen wörtlich angeführt. - Weder Anselm Hüttenbrenner noch Lorber hatten bis dahin Steffens auch nur dem Namen nach gekannt. Lorber war daher hocherfreut, als ihm jener, welcher inzwischen im Konversationslexikon von Brockhaus nachgeschlagen hatte, die Mitteilung machte, es gebe wirklich einen Schriftsteller dieses Namens, und dieser habe wirklich ein Werk mit dem angeführten Titel im Drucke erscheinen lassen. - Da ich dieses Werk des mir übrigens wohlbekannten Autors ebenfalls nicht kannte, so machte ich sogleich darauf Bestellungen bei der Universitätsbuchhandlung...« (Nach Übergabe des Buches an Hüttenbrenner:) »Hüttenbrenner hatte bereits die von Lorber mit Hinweisung auf die Seiten 5 und 6 angedeutete Stelle im Buche aufgefunden, und ich überzeugte mich selbst, daß sie mit jener in Lorbers Manuskript angeführten wörtlich übereinstimmte, nur daß in letzterem ein paar Wortversetzungen vorkamen.«

Weiter wird umständlich geschildert, daß die übrigen Stellen nicht wörtlich, sondern nur ungefähr dem Inhalt nach übereinstimmten, wobei jedoch den Freunden nur die zweite, möglicherweise abgeänderte Auflage von Steffens' Werk für ihre Nachprüfung zur Verfügung stand.


Hellgesichte, Heilmittel und Naturevangelien


Lorbers ungewöhnliche Gabe blieb keineswegs auf das Gehör beschränkt. Wie schon oben gesagt, hatte er während des Diktats auch öfter eine bildliche Anschauung des Gehörten. Das erklärt seine oft ungemein komplizierten und bis ins kleinste Detail gehenden Schilderungen von Landschaften, Bauwerken usw., die an die visuelle Vorstellungskraft des Lesers höchste Ansprüche stellen.

Doch müssen sich auch unabhängig von der Schreibarbeit seine psychischen Fähigkeiten entwickelt haben. So war es eine seinen Freunden wohlbekannte Tatsache, die auch durch erhaltene Briefe belegt wird, daß Lorber nach den meisten Todesfällen im Bekanntenkreis die Verstorbenen - oft mehrmals - erschienen sind, wobei er ihr Aussehen sehr treffend beschrieb, selbst wenn er sie zu Lebzeiten niemals gesehen hatte. Er sprach mit ihnen und bestellte Grüße und Botschaften. Mit diesen Botschaften hatte es oft eine ganz eigene Bewandtnis, der Leitner einen eigenen Abschnitt widmet. Sie enthielten nämlich nicht selten medizinische Anweisungen und Heilmittel für kranke Angehörige. Nach seinen persönlichen Erfahrungen gibt Leitner an, daß diese Verordnungen manchmal nur geringen, manchmal aber überraschend guten Erfolg hatten. Ein anderer Freund, der Apotheker Cantily, legte sich davon eine ganze Rezeptsammlung an. - Gerade diese Art jenseitiger Kundgebungen ist heute von besonderem Interesse, da sich dazu in unserem Jahrhundert berühmte Parallelfälle finden, wie etwa der des Amerikaners Edgar Cayce.

Eine weitere Besonderheit bei Lorber bilden die sogenannten "Evangelien der Natur'', wie er sie selbst bezeichnet hat. Einem inneren Befehl folgend begab er sich ab und an mit seinen Freunden an einen Platz in der freien Natur, etwa auf den Grazer Schloßberg oder an die Quelle des Flüßchens Andritz. Dort versank Lorber dann in einen Zustand stiller Betrachtung und diktierte seinen Begleitern tiefsinnige Eröffnungen über die Schöpfung und Entwicklung der Erde im allgemeinen und der sie hier umgebenden Gegend im besonderen. Auch Hellgesichte traten dabei auf. - Später erfolgten solche Diktate auch ohne natürliche Vorlage nach freier Wahl der Freunde, z.B: über den Wald, den Weinstock, die Perlmuschel, die Taube usw. Stets wurde das Thema in einen großen Schöpfungszusammenhang gestellt, der sich bis zum Menschen selbst erstreckte, und den Abschluß bildete meist eine Belehrung über den Gleichnis- und Symbolgehalt des betreffenden Gegenstandes.


Die Werke


Das waren freilich nur kleine Gelegenheitsarbeiten, sozusagen Nebenprodukte von Lorbers Tätigkeit. Das Ergebnis seiner durch Jahrzehnte fast ohne Unterbrechung täglich durch mehrere Stunden fortgesetzten Schreibarbeit nach dem niemals versagenden inneren Diktat bilden die eigentlichen Hauptwerke.

Das erste dieser Werke, dessen Kundgabe, wie geschildert, am 15. März 1840 unvermutet begann, nennt sich "Die Haushaltung Gottes''. Es behandelt religiöse Grundthemen, wie das Wesen Gottes, die Urschöpfung der Geisterwelt, die materielle Weltenschöpfung, die Erschaffung des Menschen und dessen Urgeschichte bis zur Sintflut.

Als spätere größere Arbeiten sind zu nennen: "Die Jugend Jesu" und "Die natürliche Sonne", sowie die besonders für die Fragen des Jenseits wichtigen Bücher "Die geistige Sonne", "Erde und Mond", "Bischof Martin" und "Von der Hölle zum Himmel (Robert Blum)". - An Umfang und Bedeutung überragt alle anderen das zehnbändige Werk "Das große Evangelium Johannis", von dem es heißt, daß »es den Liebegeist des Johannes atmet«; darin werden die drei Jahre der Lehrtätigkeit Jesu geschildert, in Ergänzung der neutestamentlichen Evangelien und noch weit über diese hinausgehend.

Bei dieser Aufzählung fühlt man sich gleich an die Gesichte der Emmerick erinnert, die nicht selten an den gleichen Themen sich entzündet haben, vor allem an dem Leben Jesu. Lorbers Darstellungsweise ist denn auch keineswegs die Gelehrtensprache Swedenborgs, sondern eine höchst lebendige, volkstümlich-gemütvolle Erzählung, meist in Gesprächsform, reich an plastischen Beispielen. Es wird noch näher davon die Rede sein.


Lorber persönlich


Diese gewichtigen Bände können den suchenden, kritisch fragenden und wägenden Leser in mehr als einer Hinsicht vor schwer zu bewältigende Probleme stellen. So wird er doch immer wieder sich nach der Person des Schreibenden umsehen und etwas Näheres wenigstens über den sichtbaren Urheber dieser Schriften zu erfahren trachten.

Zumindest Lorbers äußere Erscheinung ist gut bekannt, da uns außer der Schilderung Leitners auch mehrere Bilder vorliegen. Leitner bemerkt sogleich vorsorglich: »Lorbers Äußeres entsprach keineswegs der Vorstellung, die sich etwa ein Kenner seiner übersinnlichen Schriften von ihm machen mochte. Er war vielmehr das Gegenteil eines im Hinblick auf die Schriften etwa vermuteten ätherischen Wesens.«

Nein, man sieht es auf den ersten Blick, daß Jakob Lorber von echt bäuerlichem, solid gebautem Schlag war. Groß und massiv sitzt er vor dem Beschauer. Die ganze Gestalt hat etwas Bärenhaftes, zu welchem Eindruck die gerundeten Formen, die abfallenden Schultern, aber auch der stille und sanfte Ausdruck noch beitragen.

Sein Gang war, wie es heißt, langsam und etwas schwerfällig. Erstaunlich sind die besonders großen und derben Hände, die weit mehr für Harke und Schaufel als für die Violine bestimmt erscheinen. Auch der Kopf ist eher groß, die Stirn hoch und breit. Milde graublaue Augen hinter Brillengläsern sind mehr nach innen als nach außen gerichtet. Das braune Haar hängt glatt herab, und ein Vollbart vervollständigt die altväterische Erscheinung. In einer Provinzstadt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war dieser Mann in seiner etwas nachlässigen Kleidung freilich eine ganz und gar alltägliche Gestalt.

Ebensowenig eindrucksvoll war auch sein Auftreten. Leitner schreibt: »Lorber benahm sich im Umgange sehr bescheiden, für unsere gern ein erhöhtes Selbstbewußtsein zur Schau tragende Zeit sogar zu demütig; jedoch war er selbst noch während der Zeit, da er sein ernstes Schreibgeschäft betrieb, ein guter Gesellschafter. Wenn er sein Tagewerk vollendet hatte, liebte er es, den Abend in der Gesellschaft von Befreundeten bei einem Glase heimischen Weines heiter zu verbringen.« - Es kam dann nicht nur oft zu tiefsinnigen Ausführungen, denen die interessierten Hörer gespannt und ergriffen lauschten, sondern Lorber war auch im leichten Alltagsgespräch ein heiterer und anregender Erzähler und steckte voll lustiger Anekdoten.

Die gärenden politischen, vor allem aber die sozialen Probleme seiner unruhevollen Zeit, die in Stadt und Land überall zu spüren waren, scheinen ihn stark beschäftigt zu haben. Der Gegensatz von hoch und niedrig, arm und reich, spielt eine auffallende Rolle in seinen Schriften, in welchen bezeichnenderweise die Geschichte vom reichen Jüngling aus dem Evangelium häufig wiederkehrt und immer neu ausgelegt wird. Das hängt wohl doch mit Lorbers eigenem Geschick zusammen. Er hätte selbst in einem gewissen Wohlstand leben können, denn er hat von seinem Vater das nicht unbedeutende Vermögen von 12.000 Gulden geerbt. Doch da heißt es:

»Aber bald war er dieses Besitzes entledigt und irdisch so arm, daß er nie Geld hatte; denn sein Erbe borgte er seinem Bruder auf Nimmerwiedersehen. Und wenn er sich etwas verdiente, so fand sein Geld bei Armen schnellen Absatz.«

Er konnte und wollte kein irdisches Gut bei sich behalten und geriet daher in seinen späteren Jahren in eine kaum mehr zu verbergende Notlage. Der deutsche Arzt Dr. Zimpel, der ihn um 1850 in Graz aufsuchte und dann als erster einige der größeren Schriften veröffentlicht hat, schildert seinen persönlichen Eindruck von Lorber so: »Dieser harmlose, stille, fromme Mann ohne eigentliche wissenschaftliche Bildung hat ein vortreffliches Herz und teilt mit allen, die noch bedürftiger sind als er selbst, seine geringe Habe, die ohnehin eigentlich mehr in Almosen besteht, die er von einigen Freunden empfängt; ja er entblößt sich in solchem Grade, daß ihn der Weltverstand für unbesonnen erklären würde.« - Mehrere kleine Episoden sind überliefert, wie der arme "Schreibknecht", wenn ihm das Geld oder etwa das so nötige Brennholz ganz ausgegangen war, durch eine außergewöhnliche Fügung das Notwendige auf der Stelle erhalten hat.


Das Leben nebenbei


Lorbers Schreibarbeit war vielleicht bedeutend anstrengender und kräfteverzehrender, als man sich vorstellt. Ein möglichst stilles, gleichmäßiges Dahinleben in der einmal gewohnten Umgebung, ohne größere Wechselfälle und Veränderungen, war wohl dafür am zuträglichsten. Immerhin hat Lorber Graz noch einigemale verlassen. Die Jahre 1844 bis 1846 verbrachte er in Greifenburg im oberen Drautal bei seinen beiden Brüdern, die er in ihren Holzgeschäften unterstützte. Damit waren auch kleine Reisen verbunden, etwa nach Innsbruck oder nach Bozen. Die Bergwelt Oberkärntens, besonders der berühmte Großglockner, hat Lorber von innen her ergriffen und begeistert. In seinen überschwänglichen Briefen an die Grazer Freunde hebt er hervor, er sehe dabei »nicht nur die Oberfläche, sondern auch die wundervolle Innenseite« der Dinge. Er verfertigte damals eine Anzahl von Zeichnungen, wozu er, wie er sagt, innerlich angeleitet und ihm die Hand geführt wurde.

In diese Jahre fällt sogar ein Violinkonzert Lorbers an der Mailänder Scala. 1846 ist er wieder nach Graz und zu seinem früheren Leben zurückgekehrt und teilte seine Zeit weiterhin zwischen Schreiben und Musikunterricht. 1857 unternahm er nochmals eine mehrmonatige Konzertreise zusammen mit zwei anderen Musikern. Auch später hat er noch bei einzelnen Veranstaltungen mitgewirkt, zum Teil wegen der zusätzlichen Einnahmen, aber auch, wie Leitner angibt, um gewisse behördliche "Späherblicke" von seiner Schreibtätigkeit abzulenken. Frau Großheim mußte aus diesem Grund seine Schriften zeitweilig in ihrem Holzschuppen versteckt halten. Zu ernsten Behelligungen seitens der in dieser unruhigen Zeit sehr mißtrauischen Behörden ist es aber dann glücklicherweise nicht gekommen.


Der Blick nach Osten


In seinen letzten Jahren war Lorber schließlich nur noch auf ein paar, immer rarer werdende Musikstunden angewiesen, daneben auf gelegentliches Klavierstimmen, sowie auf die taktvolle Unterstützung der Freunde. Der bisher kerngesunde Mann ist nach und nach gebrechlich geworden, nur seine geistigen Kräfte blieben ungeschwächt. Die Freunde konstatierten betrübt das Erlöschen seiner früher oft hinreißenden Heiterkeit, denn Lorber wurde sehr ernst, auch zunehmend reizbar.

Vor Beginn des Jahres 1864 an äußerte er die feste Überzeugung, er werde das folgende Jahr nicht mehr erleben. Um diese Zeit war er drei Monate krank und bettlägerig, dabei aber jetzt geduldig und fromm ergeben; manchmal diktierte er seinen jüngeren Freunden noch etwas. Zu Beginn des Frühlings besserte sich sein Zustand, er konnte wieder ausgehen, doch blieb eine gewisse Schwäche bestehen.

Es war dann im August, als er bei einer Abendeinladung ganz plötzlich äußerte: »In zwei Tagen lebe ich nicht mehr«. Am folgen den Tag wurde er von wiederholten Bluterbrechen befallen, das schließlich nicht mehr aufhören wollte. Auf Ersuchen einer Verwandten, die zur Pflege gekommen war, gab ein Priester dem schon ganz Teilnahmslosen die Sterbesakramente. Doch erholte er sich noch einmal kurz und ließ seine Lage im Bett verändern, so daß er nun mit dem Gesicht nach Sonnenaufgang sah. Noch am gleichen Tag - es war der 24. August 1864 - ist Jakob Lorber während eines heftigen Gewitters im Beisein seiner besten Freunde ruhig verschieden. Seine sterblichen Überreste wurden auf dem Friedhof von St. Leonhard bei Graz beigesetzt.

Die aus seiner Lebensarbeit hervorgegangenen Werke waren damals noch so gut wie unbekannt.


Jakob Lorber hat durch lange Jahre das innere Diktat gehorsam aufgezeichnet, ohne zu wissen, was aus seinen Schriften überhaupt werden sollte. Schon wegen der strengen und engherzigen Überwachung des gesamten Geisteslebens der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie war hier an eine Veröffentlichung gar nicht zu denken, enthalten doch diese Werke manche ungeschminkte Kritik an den sozialen und ökonomischen Verhältnissen und überdies schärfste Anklagen gegen die katholische Kirche. Dennoch wurde noch zu Lorbers Lebzeiten anderswo mit der Herausgabe seiner Arbeiten begonnen. Den Anfang machte Justinus Kerner, und dann haben Dr. Zimpel, vor allem aber Johannes Busch in Dresden, trotz größter Schwierigkeiten, die meisten bedeutenderen Schriften zum Druck gebracht. Später gründete C. F. Landbeck den noch jetzt bestehenden Lorber-Verlag in Bietigheim.

Trotz des aufopfernden Einsatzes dieser und noch anderer Männer ist Name und Schrifttum Lorbers bis heute - selbst in an der geistigen Welt interessierten Kreisen - eigentlich wenig und oft nur vom Hörensagen bekannt. Man fragt sich nach dem Grund.


Hürden und Schwierigkeiten


An der Sprache sollte es eigentlich nicht liegen, denn sie ist weder trocken noch schwerverständlich und gewiß nicht allzu "esoterisch". Eher schon dürften die vielen Mundartwendungen den Nichtösterreicher etwas verwirren.

Der Stil ist allerdings stark zeitgebunden und besitzt alle jene Eigenschaften, die so viele literarische Erzeugnisse des 19. Jahrhunderts für unseren heutigen Geschmack nur schwer lesbar machen. In diesen langatmigen und wortreichen Schilderungen verliert der Leser nur allzu leicht den Faden, wird ermüdet, gerät in Gefahr, gerade das wirklich Wichtige zu überlesen.

Selbst wenn er sich streng auf den inneren Gehalt konzentriert, wechselt der Eindruck von Seite zu Seite. Da gibt es kaum auslotbare Tiefen, wunderbare Feinheiten neben scheinbar banalem Leerlauf. Die größten Schwierigkeiten aber kommen wohl aus dem emotionellen Bereich; sie sind verursacht durch den für jene Zeit selbstverständlichen Überschwang aller Gefühle in Wort und Gebärde, der das gerade Gegenteil des uns heute geläufigen Unterspielens und Verdrängens darstellt. Wir haben dadurch verlernt, das Echte vom Vorgetäuschten zu unterscheiden und sind rasch bereit, durch ein vorschnell abfälliges Urteil einem gemütstiefen Mann wie Lorber und seiner aufrichtig starken Empfindung bitter Unrecht zu tun.

Nun kann man freilich fragen, wieso denn überhaupt die bescheidene Bildung und literarische Zeitgebundenheit des Schreibers in diesen - doch nach "fremdem" Diktat erfolgten - Niederschriften zum Ausdruck kommen kann? Dafür gibt es zum Glück die Erklärung eines echten Sachverständigen, nämlich Swedenborg, der in seinen "Adversaria" schreibt: »Wenn ein Engel einem Menschen, durch den Worte der Inspiration ausgesprochen oder niedergeschrieben werden sollen, Worte des Herrn einhaucht, so regt er bei demselben ein Denken an, welches in gewöhnlicher Weise in menschliche Ausdrücke fällt. Diese Ausdrücke sind solcher Art, wie sie eben bei dem Menschen vorhanden sind, der beeinflußt wird; sie sind stets seiner speziellen Auffassung und seiner besonderen Lebensform gemäß.« - Eine gewisse unbewußte Mitwirkung des Schreibers muß demnach auch im Fall Lorber angenommen werden. Darüber hinaus werfen seine Schriften für den tiefer Blickenden freilich noch viele weitere Fragen auf, Fragen, die zum Teil noch gar nicht formuliert worden sind, und deren Beantwortung einstweilen noch aussteht.

Zur großen Erleichterung für jeden, der erstmalig an diese Schriften herantritt. gibt es heute mehrere ausgezeichnete Einführungen und Auswahl-Ausgaben. Hier kann er sich vor allem rasch über ihn besonders interessierende Einzelgebiete orientieren.

Die Originalschriften sind nicht nur meist sehr umfangreich, sie behandeln auch - oft in unberechenbarem Wechsel - eine wahrhaft überwältigende Fülle von Fragen und Problemen. Zentralthemen sind immer das Wesen Gottes und Christi, die Schöpfung der natürlichen wie der geistigen Welt und ihr ferneres Schicksal, sowie - in diesen umfassenden Rahmen gestellt - die Entstehung des Menschen und seine Bestimmung. Eingefügt sind zahlreiche naturkundliche Abhandlungen. Im besonderen gibt es bei Lorber eine wahrhaft kolossale Kosmologie, ausführliche Schilderungen nicht nur des Mondes, der Sonne und der Planeten, sondern auch weit entfernter Sonnenwelten.

Moderne Kenner seiner Schriften geben an, daß schon eine ganze Reihe damals noch höchst phantastisch anmutender Einzelheiten durch die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft glänzend bestätigt worden sind. Manches andere erscheint dem unbefangenen Leser freilich ganz absonderlich, reizt ihn zu flinkem Einspruch und Gelächter. Im Einzelfall wäre da freilich immer zu prüfen, ob nicht zum Beispiel statt der natürlichen Oberfläche eines Weltkörpers nur dessen geistige Sphäre geschildert wird, oder ob es sich vielleicht um Entsprechungen handelt. Das ist allerdings oft nicht leicht festzustellen, läßt aber wenigstens die Kompliziertheit der auftretenden Probleme ahnen.

Bei Lorber entfaltet sich überdies eine besonders stark ausgeprägte Sittenlehre. Es werden eine Menge klarer und eindeutiger Regeln und Anweisungen erteilt, die - man darf das nie vergessen - in erster Linie für die Menschen seiner Zeit und ihren Lebenskreis bestimmt gewesen sind. Nicht weniges davon wirkt heute, zumindest in der Form, überholt, anderes kann sehr wohl dauernde Geltung beanspruchen.

Wie schon erwähnt, befassen sich eine ganze Reihe von Lorber-Werken mit der jenseitigen Welt. Eine Besonderheit dieser Schriften ist es, daß sie nicht bloß breite allgemeine Schilderungen und Erklärungen geben, sondern immer wieder, sozusagen zur Illustration, auf individuelle Einzelfälle eingehen. Einige dieser persönlichen Schicksale werden nur streckenweise, andere aber vom Sterben an bis zu ihrem jenseitigen Ziel in allen äußeren und inneren Wechselfällen genau verfolgt; markante Beispiele dafür sind der Bischof Martin und besonders die historische Gestalt des 1848 hingerichteten deutschen Politikers Robert Blum.

Es versteht sich, daß im folgenden nur eine ungefähre, einführende Skizze dieser besonders reichhaltigen und vielschichtigen Jenseitslehre gegeben werden kann.


Der Leib, die Seele und die Auferstehung des Fleisches


Ein gewisser Mathael, ein geistig Hellsichtiger, berichtet in Lorbers "Großem Evangelium" sehr Interessantes über den Vorgang des Sterbens, wie er ihn wahrnimmt: »Ich besah mir nun die Sterbende näher. Aus der Brustgrube, dem gewöhnlichen Ausweg der Seele aus dem Leib, erhob sich etwas wie ein weißer Dunst, breitete sich über die Brustgrube immer mehr aus und wurde auch stets dichter. Aber von irgendeiner menschlichen Gestalt merkte ich lange nichts . . . (Es folgt ein Gespräch darüber mit dem Schutzgeist). Nach etwa dem vierten Teil einer römischen Stunde schwebte der Dunst in der Größe eines zwölfjährigen Mädchens etwa zwei

Spannen hoch über des sterbenden Weibes Leibe, und zwar mit dessen Brustgrube nur noch durch eine fingerdicke Dampfsäule verbunden. Die Säule hatte eine rötliche Färbung, verlängerte sich bald und verkürzte sich auch wieder dann und wann. Aber nach jedesmaligem Verlängern und abermaligem Verkürzen ward diese Dampfsäule dünner, und der Leib trat während der Verlängerungen stets in sichtlich schmerzhafte Zuckungen. - Nach etwa zwei römischen Stunden ward diese Dampfsäule von der Brustgrube ganz frei, und das unterste Ende sah aus wie ein Gewächs mit sehr vielen Wurzelfasern. In dem Augenblicke aber, als die Dampfsäule von der Brustgrube abgelöst ward, bemerkte ich zwei Erscheinungen. Die erste bestand in dem völligen Totwerden des Leibes, und die andere darin, daß die ganze, weißneblige Dampfmasse sich in einem Augenblick in das mir wohlbekannte Weib des Nachbarn umwandelte.«

Was hier geschildert wird, ist die Loslösung und Bildung des "Seelenleibes". Ein verstorbener Mensch besteht ja nicht mehr so wie der irdische aus Geist, Seele und stofflichem Körper. Nachdem der letztere abgelegt wurde, bildet nun die Seele den Leib des eigentlichen Geistes, und zwar einen bleibenden Leib, der nicht mehr abgelegt werden wird. Dieser Seelenleib besitzt die gleichen Sinne wie der irdische Körper und ebenso ein eigenes Erinnerungsvermögen.

Sehr fein wird erklärt, wie es der Seele im irdischen Körper ergangen war: »Weilt sie aber in ihrem sie durch und durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke der Welt. Ihres Selbstseins aber wird sie oft kaum bewußt - geschweige daß sie von den in ihr rastenden höheren geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.« - Durch das Ablegen des Erdenkörpers wird die Seele erst frei und fähig, sich auf sich selbst zu besinnen.

All das ist sehr ähnlich wie bei Swedenborg, und ebenso wie bei ihm wird auch hier eben die Bildung des Seelenleibes als "Auferstehung" verstanden. Allerdings wird diese bei Lorber recht eigenartig beschrieben. Nicht nur daß sich der Seelenleib im Jenseits erst nach und nach vervollkommnet; es geschieht das auch in einer eigentümlichen Wechselwirkung mit der gleichzeitigen Verwesung des irdischen Körpers, dessen Vergeistigung andererseits schon während des Erdenlebens begonnen hat.

Nach den Lorber-Schriften ist nämlich die Seele des Menschen zusammengesetzt aus Myriaden von "Lebensfunken", sie stellt einen komplizierten Aufbau dar, dessen einzelne Teilelemente schon eine lange Reifezeit durchlaufen haben, ehe sie miteinander verbunden und in einen Menschenleib gesenkt wurden.

Aber auch der materielle Körper - und ebenso die gesamte Materie überhaupt! - besteht eigentlich aus nichts anderem als aus lauter Seelenpartikeln. Allerdings ist diese Art noch besonders grob und ungeläutert, grundsätzlich aber durchaus zu Vervollkommnung und Aufstieg befähigt. Von ihnen wird gesagt: »Daher müssen sie zuvor wieder in die Erde kommen, dort verwesen und von da erst aus der Verwesung aufsteigen, um sich zur Komplettierung desjenigen Wesens, dem sie einst leiblich angehörten, anzuschicken, was gewöhnlich in der dritten oder obersten Erdlebenssphäre vor sich geht. Dadurch erst wird ein jeder reine Geist erst vollkommen - wenn er all das Seinige wieder in sich aufgenommen hat, welches Aufnehmen die sogenannte "Auferstehung des Fleisches" ist.« - Diese vergeistigten Teile des ehemaligen irdischen Körpers werden dann schließlich den äußeren Umriß und die Bekleidung des Seelenleibes bilden.

Von den Hintergründen dieser ungewöhnlichen Lehre wird noch die Rede sein.


Jenseitige Hilfe heim Übergang


Das Freiwerden des Seelenleibes während des Sterbens und seine weitere Ausbildung erfolgen nicht ohne äußere Hilfe. Man erfährt darüber: »Wenn wir von Gott aus berufen werden, diese Welt zu verlassen, dann wird ein Engel Gottes ... alles dem Geiste Angehörige aus der Materie freimachen, die Materie der vollen Auflösung übergeben, die Seele aber und ihren Lebensgeist, sowie alles, was in der Materie (des Leibes) der Seele angehört, in vollkommener (ätherischer) Menschengestalt vereinigen und nach dem ewig unwandelbaren Willen Gottes in die Welt der Geister hinüberführen.«


Dieser "Todesengel" ist einer der höheren Schutzengel des betreffenden Menschen. Nach Lorber hat jeder Mensch nämlich mehrere Schutzgeister und -enget, die ihrem Rang nach verschieden sind. Ihre Aufgabe ist mit dem Tod des Menschen keineswegs zu Ende; sie geleiten ihn nicht nur in die andere Welt, sondern behüten und belehren ihn dort auch weiterhin und versuchen, ihn zur geistigen Wiedergeburt zu führen.

Dieses Eingreifen der Jenseitigen heim Sterben und beim Übergang gehört ja zum ältesten christlichen Vorstellungsgut. Nicht nur bei Origenes, sondern ganz allgemein bei den frühen Kirchenvätern gilt es schon als selbstverständliche Tatsache. Bei Lorber wird auch sonst nicht selten an solches sehr altes, teils noch vorchristliches Wissen angeknüpft. So wohnen die Geister zwar in der immateriellen, der geistigen Welt, zugleich aber doch an räumlich lokalisierbaren Orten. Die Unreifen hausen oft weiter an ihrem irdischen Wohnort, den sie allerdings nicht wahrnehmen können, denn sie befinden sich in einem Traumzustand. Ganz grobmaterielle Geister sind sogar im Inneren der Weltkörper. Die reiferen erheben sich durch die niedere in die mittlere und obere Luftregion. Die reinen Geister und Engel leben im freien Ätherraum. - Ganz ähnlich war es ja auch bei Origenes.


Die Bedeutung der persönlichen Innenwelt


Über den ersten traumhaft-unbewußten Zustand eines durchschnittlichen Verstorbenen wird gesagt: »Wer im irdischen Leben nicht wenigstens zur Hälfte im Geiste wiedergeboren wird, kommt im Jenseits stets mehr oder weniger in obbezeichneten Zustand und kann sich selber darin ebensowenig helfen wie ein Embryo im Mutterleibe...«

Der Vergleich mit dem Embryo ist vielsagend. Die Grundelemente dieses Zustands sind offenbar Dunkelheit und Hilflosigkeit. Ihre Ursache ist das Erlöschen der irdischen Sinnesfunktionen, während die geistigen noch nicht ausgebildet sind. - Auch Klara Kern hat später, wie man noch hören wird, derartige Zustände bei Verstorbenen beobachtet und eindrucksvoll geschildert.

Was immerhin erhalten bleibt, sind gewisse Erinnerungen an irdische Erlebnisse. Das Ganze ist subjektiv eine Art Traumzustand von unterschiedlicher Tiefe, in dem manche sehr lange Zeit verbleiben. Hier kommt die alte volkstümliche Vorstellung vom "Schlaf der Toten" der Wirklichkeit offenbar sehr nahe, jedenfalls bei dieser unentwickelten Art von Seelen. Noch ohne Wahrnehmung für ihre geistige Umgebung dämmern sie, in sich selbst eingekapselt, dahin, jeder ganz in seiner persönlichen inneren Welt gefangen. Von ihnen heißt es:

»Solche Seelen oder "böse Geister" sehen dann nur das, was sich aus ihrer eigenen Phantasie gleich einer niederen Traumwelt entwickelt. Darin verharren sie oft Hunderte von Jahren. Sie sehen die stets neuankommenden Seelen, wenn sie auch auf der Erde ihre nächsten Verwandten waren, nicht, sondern nur ihre lang andauernde Phantasiewelt. Sie sind (in diesem Zustande) nur den Engeln durch pure Entsprechungen, welche diese in die Phantasiewelt solcher blinder Seelen einzuschieben imstande sind, zur Belehrung zugänglich. Wenn sie solche Belehrung und Besserung ihres Willens annehmen, dann verschwindet nach und nach ihre Traumwelt, und sie kommen dann stets mehr zum wahren Licht und zur Anschauung alles Seienden und damit auch zum Wiedersehen ihrer Verwandten und Freunde. Sie erkennen diese nun als solche bald wieder und haben eine rechte Freude an ihnen

Diese anschauliche Beschreibung ist gut geeignet, eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten. Bei genauerem Überlegen wird außerdem klar, daß derartige Zustände auch schon hier auf Erden vorkommen, nämlich in Nervenkliniken - und nicht nur dort.

Die Phantasie, dieses persönlichste und unverlierbare Eigentum jedes Einzelnen, überhaupt seine innere Welt und deren Projektionen nach außen, werden bei Lorber vielleicht erstmalig in ihrer gar nicht abzuschätzenden Bedeutung erkannt, als Schlüssel für diese wie für die andere Welt. Dies wird in wunderbarer Weise durchleuchtet und klargelegt:

»Die Phantasie eines Menschen aber kann rein und unrein sein. Rein ist sie dann, wenn, freilich selteneren Falles, der unsterbliche Geist des Menschen in seinem Leibe schon so absolut dasteht, daß seine reinen Bilder durch die Bilder der Außenwelt nicht getrübt und verunreinigt werden. So kann auch die Phantasie durch Auffassung bloß äußerer Bilder rein sein, wenn sie durch die Kraft der Seele die geschauten Bilder festhält und sie dann bei Gelegenheit naturgetreu wiedergibt. Unrein aber ist die Phantasie, wenn sich der Geist noch zu sehr passiv in seinem Leibe sowohl zu seinen inneren Bildern wie zu denen der Außenwelt verhält, wo sich dann alles durcheinandermengt, Geistiges und Naturgemäßes, und niemand daraus klug werden kann, wenn er ein Phantasiebild aufstellt, was es so ganz eigentlich vorstellt, ob Geistiges oder Naturgemäßes ... Daraus aber geht hervor, daß im Geiste, der das ganze Leben seiner Seele wie seines Leibes ausmacht, vorerst schon alles vorhanden sein muß, vom Kleinsten bis zum Größten, was die ganze Unendlichkeit faßt, also Himmel und Hölle, und zwischen diesen beiden Extremen die ganze naturgemäße Welt. Und dieses endlos lebendigreiche Vermögen des Geistes ist das, was ihr im allgemeinen Sinne die Phantasie nennet. - Wenn dann jemand aus dieser reichen Kammer etwas hervorholen will, so darf er nur seine Liebe erwecken. Je stärker die Liebe wird, desto heftiger ihre Flamme und desto heftiger ihre Wärme und ihr Licht. – Durch diese Eigenschaft der Liebe wird das von ihr erfaßte Bild selbst lebendig, prägt sich ... immer deutlicher aus ... Und dieses durch die Eigenschaft der Liebe ausgereifte Bild im Menschen selbst ist die eigentliche innere Welt des Geistes ... Aus dem aber geht dann klar hervor, daß ein jeder Mensch durch die Art seiner Liebe der Schöpfer seiner eigenen inneren Welt wird, und daß er nie in irgendeinen Himmel oder in irgendeine Hölle kommen kann, sondern nur in das Werk seiner Liebe. Darum heißt es auch: "Und eure Werke folgen euch".«

Bei den reiner und vollkommener werdenden Geistern kommt es zwar zu einer immer klareren Wahrnehmung ihrer äußeren Umgebung, dennoch aber verstärkt sich gleichzeitig auch die Schau ihrer Innenwelt und ihrer Erinnerungen. In reingeistigem Zustand endlich ist der Mensch imstande, sich aufgrund seiner Gottähnlichkeit in seiner persönlichen Sphäre eine eigene Welt zu erschaffen, die er dann als sein vollkommenes Eigentum bewohnt. Er kann dann sogar andere vorübergehend in diese seine Sphäre eintreten lassen, wo sie alles in seiner Weise und wie mit seinen Augen betrachten können. - Ist das nicht schon hier auf Erden das eigentliche Streben jedes wahren Künstlers? - Von diesen Möglichkeiten der Schau durch fremde Augen und Einsicht wird z.B. in dem Werk "Die Geistige Sonne" mehrfach Gebrauch gemacht zur Schilderung des Jenseits wie auch ferner Sonnenwelten.

Und dennoch - das darf nie vergessen werden – steht hinter all diesen subjektiv geprägten Anschauungen die eine unverrückbare, göttliche Wahrheit.


Seelen im Mittelreich


Der Jüngstverstorbene befindet sich fürs erste im sogenannten "Mittelreich" oder "Hades", das auch so ungefähr mit dem "Fegfeuer" gleichgesetzt wird: »Am besten kann dieses Reich einem großen Eintrittszimmer verglichen werden, wo alles ohne Unterschied des Standes und Ranges eintritt und sich zum ferneren Übertritt in die eigentlichen Gastgemächer gleichsam vorbereitet. Ebenso ist auch diesen "Hades'' derjenige erste naturmäßig-geistige Zustand des Menschen, in den er gleich nach dem Tode kommt.«

Hier ist zugleich die Hauptwirkungsstätte jener himmlischen Geister, die mit der Prüfung und Weiterleitung der Ankommenden beschäftigt sind. Dazu als nähere Erklärung: »Jeder Arzt muß ja vorher seine Patienten sehr gründlich erkennen, bevor er ihm eine Medizin verschreiben kann, die ihn von Grund aus heilen soll. Auch jenseits ist niemandem mit einer Scheinkur gedient. Also muß auch dort ein jeder neuer Ankömmling erstens ein Generalbekenntnis von A bis Z seines Leben ablegen. Ist solches erfolgt, dann geschieht eine Änderung des Zustandes, welche die vollkommene Enthüllung heißt. In diesem Zustand steht dann ein jeder Geist völlig "nackt" da und gelangt dann in einen dritten Zustand, welcher die Abödung oder auch die Abtötung alles dessen genannt wird, was der Mensch (an irdischem Begierden und Schwächen ins Jenseits) mitgenommen hat.« Das erinnert sofort an Swedenborg.

Wie schon gesagt, stehen die Seelen im Mittelreich unter einer ständigen, aber sehr behutsamen und unmerklichen Anleitung durch ihre Schutzgeister. Ihre vollkommene Freiheit und Entscheidungsgewalt darf nämlich keinesfalls beeinträchtigt werden. Es heißt darüber:

»Und so geht es auch einer (im irdischen Dasein) verwahrlosten Seele im großen Jenseits zunächst noch um vieles schlimmer, weil sie sich im Leibesleben in allerlei Irrtümern und daraus im Falschen und Bösen begründet hat. Eine solche Begründung ist gleich wie eine Erhärtung der Liebe und des Willens der Seele, welche beide das Leben und individuelle Sein des Menschen ausmachen. Wenn Ich da einer solchen Seele ihre Liebe und ihren Willen auf einmal hinwegnähme, so wäre dadurch auch die ganze Seele hinweggeschafft ... man muß eine solche Seele, stets nur wie von außen auf sie einwirkend, durch ihr Wollen, Trachten und Handeln in solche Zustände kommen lassen, in denen sie aus sich inne wird, daß sie sich in großen Irrtümern befindet. Fängt eine Seele an, dieselben an sich wahrzunehmen, dann wird in ihr auch schon der Wunsch rege, den Grund zu erfahren, aus dem sie sozusagen auf kein "grünes Gras", sondern nur auf düstere und fruchtlose Wüsteneien gelangt. - In solch einem Zustand ist es dann erst an der Zeit, einer solchen Seele einen ihr wie ganz ebenbürtig aussehenden weisen Geist entgegenkommen zu lassen, der sich dann mit ihr über dies und jenes besprechen kann

Sehr stark in sich selbst verschlossene und blinde Seelen sind, wie schon oben gesagt, überhaupt nur noch über Vorstellungen und Entsprechungen erreichbar, welche die Engel in ihre abgesperrte Innenwelt einzuhauchen verstehen. Falls die Seele auf diese indirekte geistige Hilfe reagiert, so ist ein Ansatzpunkt gewonnen, und es geschieht folgendes: » ... es beginnt so für die Seele aus dem Traume eine feste und bleibende Welt sich zu entwickeln. Je mehr die Seele ergreift, was ihr von ihrem Geiste geboten wird, desto mehr einigt sie sich mit ihm und geht dadurch unvermerkt in ihren Geist ein und mit demselben zum Urlicht aller Wahrheit.« - Die äußere Hilfe durch andere führt also zur Fähigkeit, sich selbst, den eigenen Geist, zu finden.

Wenn sich die Seele aber diesen heilsamen Vorstellungen verschließt, beginnt ihr Zustand sich schrittweise zu verschlechtern, innerlich wie äußerlich. Immer mehr gelangt sie in eine kalte, öde, düstere Umgebung, in eine Art von "Vorhölle". Dabei werden ihr immer wieder Möglichkeiten zur Umkehr geboten. Wenn sie diese jedoch nicht nützt, so hat sie - ganz dem eigenen inneren Antrieb folgend - den ersten Zustand der Hölle erreicht.


Die Hölle und ihre Bewohner


In den Lorber-Schriften werden drei Höllengrade unterschieden und mit ausgezeichneter psychologischer Einfühlung ganz neuartig beschrieben:

»In der ersten Hölle ist die Seele nichts als ein Genuß- und Freßpolyp, und das aus lauter stummer Selbstsucht und Selbstliebe. - In der zweiten Hölle ist durch eine starke "Fastenbehandlung'' die begierliche Seele mehr und mehr eingeschnupft und dem mit ihr verbundenen Geiste dadurch mehr Freiheit geworden. Im seltenen, besseren Falle kehrt so mancher Geist hier tun, kräftigt sich und erhebt dann auch seine Seele stets mehr und mehr. Im gewöhnlichen, schlimmen Falle erwacht der Geist zwar auch; da er aber in diesem Erwachen in solcher Vernachlässigung seiner "Seele" sich überaus gekränkt und übel behandelt fühlt, so wird er zornig. Er läßt in diesem Zustand mehr und mehr die Idee in sich aufkeime, daß ihm für solche Unbill von Seite der Gottheit eine kaum zu berechnende, große Genugtuung zukommen sollte ... In diesem Gefühl wird er endlich zum vollkommenen "Verächter Gottes''. Er ersieht auch seine Unzerstörbarkeit und stärkt sich mit der Idee, daß der Geist sich mit der Erhöhung seiner Begriffe und Forderungen ins Unendliche stärken kann. Aus diesem Gefühl erwächst dann sogar auch die satanische Idee, daß die Gottheit sich fürchte vor der stets wachsenden Macht solcher Geister ... Der Geist geht dann in satanischen Abscheu vor der Gottheit über, fängt an, sie zu verachten und zu hassen, dabei aber sich selbst als ein höheres Wesen anzusehen. Tritt dieser Fall ein, dann ist die dritte Hölle auch schon fertig.«

Die Intrigen, Verschwörungen, Kämpfe und Quälereien der höllischen Geister untereinander werden höchst anschaulich geschildert; sie erinnern an wohlbekannte irdische Vorgänge.

Diese Geister werden bei Lorber in zwei grundsätzlich verschiedene Kategorien eingeteilt: die "Teufel" und die "Dämonen". Die Teufel sind, wie schon bei Swedenborg, ehemalige irdische Menschen; unter Dämonen aber werden urgeschaffene Geister verstanden, die den Sturz Satans aus der göttlichen Ordnung ehemals mitgemacht und sich noch nicht als Menschen verkörpert haben. Die Mensch-Werdung wäre nämlich eine Möglichkeit zur Umkehr, die ihnen offen steht - falls sie das wollen; davon wird noch die Rede sein.

Beide Gruppen von Höllenbewohnern suchen Einfluß auf den irdischen Menschen zu gewinnen. Gegen eine reine Seele aber sind sie machtlos: »Denn eine reine und aus Mir starke Seele befindet sich, mitten unter zahllosen Legionen von persönlichen Teufeln, dennoch vollkommen im Reiche der Himmel, die da nicht sind ein äußeres Schaugepränge, sondern inwendig im Herren der vollkommenen Seele

Aus diesem schönen Wort wird wieder einmal ganz deutlich, daß die Hölle im Grund nichts anderes ist und sein kann als ein individueller innerer Zustand. »Denn niemand kommt weder in die Hölle noch in den Himmel, sondern ein jeder trägt beides in sich

Jeder trägt beides in sich? Ja, wie man erfährt, tragen sogar die Engel das Bild der Hölle "erscheinlich", also potentiell, in sich; sie wären nämlich sonst zu einem Eingreifen und Wirken in der Höllensphäre gar nicht fähig.

Jeder Mensch auf Erden kann ebenfalls in einen "Höllenzustand" geraten, sich aber auch wieder daraus befreien. Das Gleiche ist sogar den höllischen Geistern noch möglich, allerdings mit viel schwerer Mühe und unter großer Rückfallgefahr. Aber es ist eine echte Chance.

»Wer wegen Verkehrtheit seiner Liebe in einem ersten oder zweiten Grade der Hölle sich befindet, kann nach vielen allerbittersten Erfahrungen wieder das werden, was er uranfänglich war. Sein Bewußtsein wird ihm belassen, seine Erinnerung bleibt ihm, und er kann zur Vollendung gelangen.«


Das Problem des zweiten Todes


Was aber geschieht mit denen im dritten und untersten Höllengrad? Gibt es da vielleicht doch so etwas wie eine "ewige Verdammung"? Und dazu noch einmal die alte Frage des Origenes: Was bedeutet das Wort "ewig" überhaupt?

Ein ungemein wichtiger Dialog zu diesen Dingen steht in dem Werk über Robert Blum. Ein jenseitiger Geist befragt dort den Herrn, weshalb in der Bibel vom "ewigen Feuer" gesprochen wird. Die Antwort lautet: »Mein lieber Freund! Es steht wohl geschrieben von einem ewigen Tode, welcher da ist ein ewig festes Gericht, und dieses Gericht gehet hervor aus Meiner ewig unwandelbaren Ordnung … Wer sich nun von der Welt und ihrer Materie hinreißen läßt (die doch notwendig gerichtet sein und bleiben muß, ansonst sie keine "Welt" wäre), der ist freilich solange als verloren und tot zu betrachten, als er sich von der gerichteten Materie nicht trennen will. Es muß also der Geschaffenen wegen wohl ein ewiges Gericht, ein ewiges Feuer und einen ewigen Tod geben. Aber darin liegt nicht die Folge, daß ein im Gericht gefangener Geist so lange gefangen verbleiben muß, als dieses Gericht an und für sich dauern kann - so wenig wie auf Erden, so du ein festestes Gefängnis erbaut hättest, die Gefangenen deshalb auf die ganze mögliche Dauer dieses Gefängnisses verurteilt werden sollen ... So gibt es denn auch in aller Wahrheit eine ewige Hölle - aber keinen Geist, der seiner Laster wegen ewig zur Hölle verdammt wäre, sondern nur bis zu seiner Besserung!«

Dieser Text erfordert keinen Kommentar. Er bietet eine offenbar geniale Lösung für ein jahrtausendealtes Problem.

Und dennoch gibt es, nach Lorber, tatsächlich so etwas wie einen individuellen "zweiten Tod". Ebenfalls im "Robert Blum" steht die folgende Erklärung:

»Aber so der Mensch durch die Mir unerträglichste Lauheit weder kalt noch warm ist, sich um nichts kümmert, weder um etwas Gutes noch um etwas Böses, oder es ist ihm das eine wie das andere so, daß er auf der einen Seite ganz kaltblütig die größten Greuel und manchmal auch etwas Gutes ausüben kann ... der ist dem eigentlichen ewigen Tod verfallen und befindet sich ganz eigentlich in der alleruntersten Hölle, aus der in ein und derselben Urwesenheit kein Herauskommen mehr denkbar ist. Der Grund solch eines Zustandes ist der allerkonzentrierteste Hochmut, der alle Grade der Selbstsucht und Eigenliebe durchgemacht hat und sich in solch hochgradiger Verdichtung gewisserart selbst erdrückt und so um das Urleben des Geistes gebracht hat. Und eben darin besteht der eigentliche ewige Tod, welcher das Schlimmste alles Schlimmen ist, weil da das eigentliche Sein ein völliges Ende nimmt. - Solch eine Seele ist dann gänzlich verdorben. Ihre erste Gesamtheit muß durch des (göttlichen Geist-)Feuers Gewalt in ihre einzelnen Spezifikalpotenzen aufgelöst und darauf, mit ganz neuen gemengt, auf langen Wegen durch die Pflanzen- und Tierwelt eines anderen Planeten in einem ganz fremden Sonnengebiete in eine höchst untergeordnete Form eines Menschen übertragen werden.«

In diesem äußersten Fall kommt es also zu einer Art von Desintegration der Menschenseele, zu einer endgültigen Auflösung in ihre einzelnen Bestandteile, die "Seelenfunken". Diese jedoch bleiben unzerstörbar erhalten, und zwar »weil nach der ewigen göttlichen Ordnung in der ganzem unendlichen Schöpfung nichts Vernichtbares vorhanden ist, und das Allerkleinste kann sich gegen das Allergrößte fortwährend behaupten, wenn nicht in dieser, so doch wieder in einer anderem Form

Diese ganz ungewöhnliche Lehre wird manchen sehr erstaunen und nachdenklich stimmen. Sie gehört, zusammen mit dem großen Vorstellungskreis von der Entwicklung und dem Aufbau der Menschenseele, der unten skizziert werden soll, zu den tiefgründigsten Erkenntnissen, die in den Lorber-Schriften vermittelt werden.


Das Paradies als Ort der Wiedergeburt


Jene Geister, die aus dem Mittelreich emporsteigen, gelangen zuerst in eine Art "Vorhimmel" oder "Paradies". Sie erleben hier, natürlich in ganz persönlich verschiedener Weise, eine schöne, friedvolle Umgebung, jene "paradiesischen" Gärten und Landschaften, die von den Sehern so oft geschildert worden sind. Selbstverständlich entspringt das ihrem inneren Seelenzustand, ist zu gleich aber auch - nach Lorber - ein Aufenthalt in der "Friedensregion", das ist die oberste Luftschicht, die Stratosphäre.

Über den Sinn und Zweck des oft sehr langen Verbleibens hier heißt es: »Seht, kein Geist, der von der natürlichem Erde noch so vollendet in die geistige übergeht, kann sogleich in das eigentliche Himmelreich emporsteigen. Und das darum nicht, weil zu seiner Vollendung noch immer etwas (an stofflich gestimmten Lebensfunken) im Erdenleib zurückbleibt, was er nur nach und nach aufnehmen kann. Erst wenn er den letzten Rest dessen, was ihm angehörte, veredelt und vergeistigt in sein Wesen aufgenommen hat, kann er diese Region verlassen und in eine wirkliche erste Stufe des Himmelreiches eingehen. - Der Geist zwar an und für sich, als das Urprinzip des Lebens aus Mir, braucht freilich nichts aus dem Erdkörper zu seiner Vollendung. Aber seine äußere Wesenheit, die da ist die Seele, muß das wieder in sich vereinen bis aufs letzte Atom, was ihr einst aus der Fülle Meiner sie formenden Idee gegeben ward ... In diesem vollkommenen Wiederbringen liegt eben der einstige vollkommenste Grad der Seligkeit ... Wenn manchmal solche reine Geister auch mehrere hundert Jahre in dieser dritten Region verweilen, so verlieren sie dadurch nicht nur nichts, sondern sie können nur gewinnen. Denn dort geht ihnen durchaus nichts mehr ab. Sie sind überaus glücklich und selig.«

Diese Region ist also ein Ort der ruhigen, friedlichen Entwicklung unter idealen Bedingungen; sie ist auch der eigentliche Sitz der Schutzgeister des irdischen Menschen, die ihrerseits noch der Anleitung durch höhere Engelwesen unterstehen. - Das Ziel der gesamten Tätigkeit hier ist die eigene Wiedergeburt. Grundsätzlich kann diese freilich auch schon auf Erden erreicht werden.

Was bedeutet denn "Wiedergeburt"? - Ganz kurz gesagt: »Ein jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele und in der Seele einen unsterblichen Geist ... (Die Seele hat) fortwährend dafür besorgt zu sein, eins zu werden mit dem in ihr ruhenden Geiste der reinen Liebe Gottes.«

Viele genauere Anleitungen in den Schriften sollen die Erreichung dieser entscheidenden Stufe erleichtern. Die Wiedergeburt bewirkt nämlich einen inneren Vollendungszustand, der den Eintritt in das "Himmelreich" bedeutet. Ein Wiedergeborener ist dann ein "gewordener Engel". Bei Lorber gibt es daneben noch die Kategorie der "geschaffenen Engel", die als reine Urgeister niemals durch ein Menschenleben gegangen sind.


Das Himmelreich


Es werden ebenso wie drei Höllengrade auch drei Himmel unterschieden. Der erste kann sogar von noch auf der Erde lebenden Menschen erreicht werden, und zwar durch die Kraft ihres Glaubens und ihres Strebens nach Gerechtigkeit. In ihm ist die Erkenntnis vorherrschend, weniger die Gemütsqualitäten; demgemäß herrscht in diesem Himmel eine große Entfaltung äußerer Pracht. Es ist ein etwas merkwürdiger Himmel, von dem der Leser zu seiner Verwunderung auch erfährt, daß hier sogar noch Versuchungen zu kleineren Sünden vorkommen.

Weit ländlich-einfacher ist die äußere Erscheinung des zweiten Himmels, wo bereits das Streben nach liebevoller Betätigung einzig maßgebend ist. - Die höchst real und recht irdisch anmutenden Schilderungen solch hoher geistiger Regionen können den Unvorbereiteten freilich einigermaßen verwirren. Sie sind jedoch nur als Entsprechungen, als Verständnishilfen, zu nehmen.

In allen Himmeln ist Gott in der Gestalt der geistigen Sonne gegenwärtig - so war es auch bei Swedenborg -, im dritten Himmel aber außerdem noch in der sichtbaren Gestalt Jesu Christi. In den Lorber-Schriften erscheint der Herr überhaupt sehr, sehr oft und in allen möglichen Sphären und Orten persönlich, in verschiedener Gestalt. Das mag für nicht wenige einen Stein des Anstoßes bedeuten. Es werden jedoch zugleich tiefsinnige und wirklich einleuchtende Erklärungen für diese verschiedenartigen und oft gleichzeitigen Erscheinungsformen Gottes gegeben.

Im dritten Himmel befindet sich außerdem die »Stadt Gottes«, die »Goldene Stadt«. Dieser Himmel ist der Sitz der eigentlichen »Kinder Gottes«, die in voller Freiheit ganz aus dem Willen Gottes heraus handeln und die höchste Lebensvollendung erreicht haben, von der es heißt: »Wer diese erlangt, der ist auch völlig eins mit Gott und besitzt gleich Gott die höchste Gewalt über alles im Himmel und auf Erden, und niemand kann sie ihm ewig mehr nehmen


Besondere Fragen


Bei Lorber begegnen ungemein gründliche Schilderungen des Schicksals der frühverstorbenen Kinder, und man gewinnt in diesem Fall – wie noch in einigen anderen – den Eindruck, daß dieses Problem ihm persönlich sehr am Herzen gelegen hat. Der Unterricht für die kleinen Jenseitigen wird in all seinen Stufen pedantisch genau beschrieben. Sie müssen übrigens unter der Anleitung erfahrener Lehrer sogar die Höllen durchwandern und ebenso die verschiedenen Planetensphären. Die reiferen Schüler werden dann bald schon selbst als Schutzgeister tätig - eine recht mühevolle Aufgabe, bei der es eine ganze Menge zu lernen gibt, wie etwa taktvolle Zurückhaltung, Achtung vor der Freiheit ihrer Schutzbefohlenen und vor allem - Geduld.

Auch sonst finden sich bei Lorber verstreut viele Angaben über die jenseitigen Beschützer der Menschen. So wird etwa eine bis ins Paradies aufgestiegene Seele fürs erste meistens zum Schutzgeist für ihre eigenen, noch auf Erden lebenden Angehörigen - ein kleiner Zug, der die heimliche Ahnung vieler Trauernden bestätigt.

Vieles, sehr vieles, was sich schon bei Swedenborg fand, kehrt in den Lorber-Schriften wieder; manches davon freilich mehr am Rand. Besonders gut und psychologisch leicht faßbar wird aber zum Beispiel der Begriff des "Großen Menschen" entwickelt und anschaulich erklärt an den himmlischen Geister- und Engelvereinigungen, die, in der Sphäre eines führenden Geistes vereinigt, als Ganzes eine solche Menschengestalt darstellen. Ferner begegnet auch bei Lorber immer wieder die "himmlische Ehe" zweier von Gott einander zugeführter Ehepartner.


Präexistenz und Entwicklung der Seelen


Wohl erstmalig im christlichen Raum sind aber die großartig weitgespannten Ausführungen der Lorber-Schriften über das Wesen der Natur, der Materie, sowie über den Aufbau und die Höherentwicklung der Seelen. Ein näherer Vergleich mit einzelnen Elementen außerchristlicher Lehren - besonders des indischen Raumes, der Antike und der Kabbala - wäre sehr wertvoll, muß aber hier unterbleiben. Jene "origenistischen" Lehren, die später von der Kirche verworfen wurden, hatten diesen Themenkreis behandelt; hernach aber ist er aus dem Blickfeld der Christenheit weitgehend verschwunden. Es mutet schon sehr merkwürdig an, wie eine ganze Reihe existentiell allerwichtigster Fragen einfach überhaupt vergessen werden konnte; solche "weiße Flecken" treten freilich abwechselnd immer wieder da und dort auf der Landkarte des menschlichen Geistes auf. - Diese grundlegende Lehre der Lorber-Schriften, die schon oben mehrmals erwähnt wurde, kann hier nur ganz knapp zusammengefaßt werden.


Die Urbestandteile der Seelen, die "Lebensfunken", sind vormals mit Luzifer gefallen und im Gericht der Materie erstarrt. Sie werden jedoch von reinen Geistern zum Wiederaufstieg und zu neuer Eingliederung in die göttliche Ordnung angeleitet. Ihr Entwicklungsweg geht zunächst durch Mineralien, Pflanzen und Tiere. Mehrere Seelen verstorbener Tiere werden dann zu einer neuen "Naturseele" zusammengefügt. Diese führt zunächst noch das freie Leben eines Naturgeistes, wobei sie verschiedene Tätigkeiten in der Natur auszuführen hat. Es ist da zum Beispiel die Rede von Erd-, Wald- und Luftgeistern; altes Volkswissen wird so miteinbezogen.


Gereifte Naturseelen entschließen sich endlich zum Übertritt auf die Menschenstufe, da nur auf diesem Weg der Aufstieg zur Gotteskindschaft möglich ist. Eine solche Seele wird noch weiter ergänzt durch Lebensfunken aus den Seelen ihres menschlichen Elternpaares, sowie mit Elementen aus der Sternenwelt. Erst so entsteht die Seele eines neuen Erdenmenschen.


Allerdings gibt es noch eine ganz andere Möglichkeit: Unter Umständen können sich Menschenwesen, die als solche schon auf anderen Himmelskörpern gelebt haben, auf dieser Erde wiederverkörpern. Es ist dies eine besondere Gnade für sie, denn nach Lorber ist der Weg zur eigentlichen Gotteskindschaft einzig nur über diese Erde möglich und über die schwere Prüfung eines hier verbrachten Menschenlebens. Solche Seelen von anderen Sternen verlieren zwar die Rückerinnerung an ihr früheres Dasein, aber sie behalten ihre besonderen Begabungen und sind höherstehend als gewöhnliche Erdenmenschen.

Reinkarnation und Rückkehr


Das Entwicklungsziel jedes Menschen, die vollkommene Läuterung und Vergeistigung seiner Seelenfunken, wird im Rahmen eines einzigen Lebens kaum je erreicht. Aber damit sind die Möglichkeiten noch lange nicht erschöpft. Von der weiteren Reifung der Seele im Jenseits war schon ausführlich die Rede. Diese gedeiht manchmal nur bis zu einem gewissen Grad; dann ist, nach Lorber, auch eine Wiederverkörperung auf der materiellen Ebene möglich. Sie geschieht unter der Anleitung höherer Schutzmächte, die auch den Ort der Einkörperung bestimmen. Unter ganz besonderen Umständen kommt es zu mehreren Verkörperungen derselben Menschenseele auf dieser Erde. Die Rückerinnerung an frühere Leben wird bei derartigen Reinkarnationen auf der Erde - und nur bei solchen - völlig weggenommen. Das ergibt nämlich erst uneingeschränkte geistige Freiheit und bedeutet daher eine außerordentliche Entwicklungsmöglichkeit.

Das Ziel der Seele ist in jedem Fall der Himmel und die Ursonne Gottes. Der oft unermeßlich lange Weg dorthin kann durch eine ganze Reihe von Existenzen auf Planeten und geringeren Sonnen führen; ein Leben auf unserer Erde vermag ihn aber entscheidend abzukürzen.

Jenseits aller materiellen Prüfungen und geistigen Gerichte liegt das endgültige Ziel der Rückkehr: Eine volle Vergeistigung aller Weltkörper und Sonnen im Feuer des göttlichen Willens. Als neue, geistige Schöpfung werden sie dann fortbestehen, und zwar auch jetzt - wie vorher - wieder in der Gestalt eines "endlos großen Menschen". - Aber auch das bedeutet bloß den Abschluß einer göttlichen Schöpfungsperiode, deren es noch unendlich viele andere geben kann.

Zurück