Buchausschnitt aus: Zeugen für das Jenseits: Origenes, Katharina von Genua, Emanuel Swedenborg, Anna Katharina, Emmerick, Jakob Lorber, Klara Kern

Autor: Aglaja Heintschel-Heinegg (Zürich, Swedenborg-Verlag, 1974)



Die Offenbarung des Emanuel Swedenborg


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»Wer ist aus dem Himmel zu uns gekommen und hat erzählt, daß er sei? Was soll die Hölle sein, und gibt es wirklich eine? Was soll das heißen, daß der Mensch in Ewigkeit mit Feuer werde gequält werden? Was soll der Tag des Gerichts sein? Ist er nicht schon Jahrhunderte lang vergeblich erwartet worden? ... Damit nun diejenigen, die so denken (und dies tun viele, welche wegen der weltlichen Dinge, die sie verstehen, Gebildete und Gelehrte heißen), nicht länger mehr diejenigen, welche einfältigen Glaubens und Herzens sind, irre machen und verführen... ist vom Herrn das Inwendige, das Gebiet meines Geistes, aufgeschlossen, und so mir gegeben worden, mit allen, die ich je bei Leibes Leben gekannt habe, nach ihrem Tode zu reden, mit einigen tagelang, mit einigen monatelang, und mit einigen ein Jahr lang, und auch mit so vielen anderen, daß ich wenig sage, wenn ich Hunderttausend nenne, von welchen viele in den Himmeln und viele in den Höllen waren. «

So lautet Swedenborgs feierliche Erklärung in seinem Werk »Himmel und Hölle« (»De Coelo et eius Mirabilibus, et de Inferno, ex Auditis et Visis«), und ähnlich erstaunliche Beteuerungen finden sich immer wieder in seinen Schriften. Sie reizen selbst den Skeptiker - und gerade ihn - weiterzulesen und mehr zu erfahren. Gewiß macht der Stil der Swedenborg'schen Originalausgaben und ihrer teilweise recht alten Übersetzungen das nicht ganz leicht; er ist langatmig und für heutige Begriffe schwerfällig. Bei einigem guten Willen gewöhnt man sich freilich daran, hat doch das achtzehnte Jahrhundert oft noch weit schwerer lesbare Produkte hervorgebracht. Bei Swedenborg wird aber hinter den ungewohnten Ausdrücken rasch die überaus klare Gedankenbildung einer wissenschaftlich geschulten und ebenso umfassenden wie alle Details durchdringenden Intelligenz fühlbar.

Die hier angeführten Zitate sind der alten, wortgetreuen Übersetzung von I.F.J. Tafel entnommen: doch existiert im übrigen gerade von »Himmel und Hölle« ein ausgezeichneter moderner Auszug.


Wie sieht man Engel?


Swedenborg gibt darüber ganz präzise Auskunft:

»Man muß jedoch wissen, daß die Engel vom Menschen nicht gesehen werden können durch die Augen seines Körpers, sondern durch die Augen des Geistes, der im Menschen ist, weil dieser in der geistigen Welt ist, und alles zum Körper gehörige in der natürlichen Welt; Gleiches sieht Gleiches, weil aus Gleichem; überdies ist das Gesichtsorgan des Körpers, welches das Auge ist, so grob, daß es nicht einmal die kleineren Gegenstände der Natur anders als durch Vergrößerungsgläser sieht, wie jedem bekannt ist; noch weniger also die Dinge, die über der Natursphäre sind, wie dies bei allen der Fall ist, die in der geistigen Welt sind: gleichwohl jedoch werden diese vom Menschen gesehen, wenn er dem Gesicht des Körpers entrückt und ihm das Gesicht seines Geistes geöffnet wird, was auch augenblicklich geschieht, wenn es dem Herrn gefällt, daß sie gesehen werden; und dann weiß der Mensch nicht anders, als daß er sie sehe mit den Augen des Körpers; so wurden die Engel gesehen von Abraham, Lot, Manoah und den Propheten, so auch wurde der Herr nach der Auferstehung von den Jüngern gesehen; in gleicher Weise habe ich auch die Engel gesehen.«

Was ist »der Geist, der im Menschen ist«? - Und was bedeutet »Gleiches sieht Gleiches«? - Nach Swedenborg ist jeder Mensch nichts anderes als ein Geist, den nur auf dieser Erde ein materieller Körper bekleidet; dieser Geist ist seine Persönlichkeit, ist das, was ihn zum Menschen macht und den Körper lenkt. Dieser Geist ist überdies der Sitz nicht nur aller Verstandes- und Willenskräfte sowie des Gedächtnisses, sondern auch aller Sinnesempfindungen - der inneren und der äußeren, wie Swedenborg sagt.


Mit einem Wort: er ist der "innere Mensch". Beim Sterben wird dieser "innere Mensch" frei und nimmt alle seine Fähigkeiten mit in die andere Welt; zurück bleibt einzig und allein der leblose irdische Körper.

Aber, wenn der Geist den Geist sehen kann, warum sieht dann nicht jeder schon auf Erden Engel und Geister? - Das war, nach Swedenborgs Aussage, ehemals tatsächlich der Fall, und zwar in den allerfrühesten Zeiten der Menschheit; damals wurden die Menschen unmittelbar von Engeln unterwiesen. Später führte die aufkeimende Ichsucht zu einer zunehmenden Veräußerlichung und Vergröberung des Menschen; und die Folge war eine allmähliche Abschließung seines Inneren gegen die geistige Welt hin, wodurch der bewußte und unmittelbare Zusammenhang verlorenging; unbewußt besteht er freilich weiter.

Ein "Geist" ist also ganz einfach ein Mensch, nur eben einer, der den irdischen Körper abgelegt hat, also ein Verstorbener. Die alte volkstümliche Bezeichnung "Geist" sagt ja genau dasselbe, bloß hat sich der Gebildete längst daran gewöhnt, sich durch ein befreiendes Lachen von jedem Nachdenken über den tieferen Sinn dieses Wortes zu dispensieren.


Es bleibt die Frage: Was ist eigentlich ein Engel? - Swedenborgs Antwort ist verblüffend: Ein Engel ist ebenfalls ein verstorbener Mensch. (War das nicht schon eine zaghafte Annahme des Origenes?) - Übrigens ist auch ein Teufel genau dasselbe: ein ehemaliger Mensch. »In der Christenheit ist völlig unbekannt, daß Himmel und Hölle aus dem menschlichen Geschlecht sind; denn man glaubt, die Engel seien von Anbeginn erschaffen, und daher stamme der Himmel, und der Teufel oder Satan sei ein Engel des Lichts gewesen. weil er aber ein Empörer wurde, mit seiner Rotte hinabgestoßen worden, und daher stamme die Hölle. Daß in der Christenheit ein solcher Glaube ist, darüber wundern sich die Engel gar sehr...«

Für Swedenborg bedeutet dies eine grundlegende Offenbarung: Gott hat von Anbeginn an nur eine einzige Art von geistbegabten Wesen erschaffen, nämlich den Menschen. Der Engel ist bloß eine fortgeschrittene Entwicklungsstufe dieser gleichen Art. Ist der Mensch die Raupe, so ist der Engel der Schmetterling. - Diese ungewohnte Klassifizierung der geistigen Wesen eröffnet freilich in ihren Konsequenzen ganz neuartige Aspekte. - Wie also kann die menschliche Raupe zum Schmetterling werden?


Das Erlebnis des Todes und der Auferstehung


»Wenn der Körper seine Verrichtungen in der natürlichen Welt, die den Gedanken und Neigungen seines Geistes, die er aus der geistigen Welt hat, entsprechen, nicht mehr versehen kann, so sagt man, der Mensch sterbe; dies geschieht, wenn die Atemzüge der Lunge und die Pulsschläge des Herzens aufhören; gleichwohl jedoch stirbt der Mensch nicht, sondern wird nur vom Körperlichen getrennt, das ihm in der Welt zum Gebrauch gedient hatte; der Mensch selbst lebt... Hieraus erhellt, daß der Mensch, wenn er stirbt, nur von einer Welt in die andere übergeht«.

Wenig später schildert Swedenborg dann eines seiner interessantesten persönlichen Erlebnisse: »Ich war in einen Zustand der Empfindungslosigkeit in Rücksicht der körperlichen Sinne, somit beinahe in den Zustand der Sterbenden gebracht, während jedoch das inwendige Leben samt dem Denken unversehrt bliebt, damit ich wahrnehmen und im Gedächtnis behalten möchte, was vorging und was denen geschieht, die von den Toten auferweckt werden; ich nahm wahr, daß das Atmen des Körpers beinahe weggenommen war, während das inwendige Atmen, welches das des Geistes ist, zurückblieb, verbunden mit einem schwachen und leisen des Körpers. Zuerst ward nun eine Gemeinschaft in Rücksicht des Herzschlags mit dem himmlischen Reich eröffnet... es erschienen auch zwei Engel aus demselben, einige in der Ferne, und zwei nahe beim Haupt, hei welchem sie sich niederließen; infolgedessen wurde mir alle eigene Gemütsregung weggenommen; dennoch aber blieb das Denken und das Bewußtsein, in diesem Zustand war ich einige Stunden lang. Die Geister, die um mich gewesen waren, entfernten sich jetzt, weil sie meinten, ich sei tot; auch ward ein aromatischer Geruch empfunden, wie von einem einbalsamierten Leichnam; denn wenn himmlische Engel zugegen sind, so wird das Leichenhafte wie Aromatisches empfunden, und wenn dieses die Geister riechen, so können sie nicht herzunahen; so werden denn auch die bösen Geister vom Geist des Menschen gleich bei seiner Einführung ins ewige Leben abgehalten. Die Engel, die beim Haupte saßen, waren ganz still; sie brachten bloß ihre Gedanken in Berührung mit den meinigen; werden jene aufgenommen, so wissen die Engel, daß der Geist des Menschen in dem Zustand ist, daß er aus dem Körper herausgeführt werden kann. Die Mitteilung ihrer Gedanken geschah dadurch, daß sie mir ins Angesicht sahen; denn so geschehen im Himmel die Mitteilungen der Gedanken ... So ward ich inne, daß jene Engel zuerst forschten, wohin mein Denken gehe, (ob es gleich sei dem der Sterbenden, welche gewöhnlich an das ewige Leben denken) und daß sie mein Gemüt in diesen Gedanken festhalten wollten... Besonders ward mir wahrzunehmen und auch zu empfinden gegeben, daß ein Ansichziehen und gleichsam Herausreißen des Inwendigen, des Gebietes meines Gemüts, somit meines Geistes, aus dem Körper stattfand, und es ward mir gesagt, daß dies vom Herrn kam und daher die Auferstehung rühre.«


Diese Auferweckung erfolgt allerdings nur für den Geist des Menschen. Swedenborg betont, daß Jesus Christus allein dem Geiste und dem Körper nach auferstand. Zugleich aber verwirft er sehr energisch die schon zu seiner Zeit bei Intellektuellen herrschende Auffassung, Geister seien etwas Gestaltloses, Ätherisches, sie seien "bloße Gedanken"; ungleich richtiger wäre die volkstümliche Anschauung, Geister seien wie Menschen. Swedenborg wirft zur Bestätigung dessen sein eigenes jahrzehntelanges Erleben in die Waagschale:

»Daß der Geist des Menschen nach der Trennung vom Körper Mensch ist, und in derselben Gestalt, ist mir durch tägliche Erfahrung vieler Jahre zur unleugbaren Wahrheit geworden; denn ich habe sie tausendmal gesehen, gehört und mit ihnen gesprochen, auch darüber, daß die Menschen in der Welt nicht glauben, daß sie so beschaffen sind, und daß diejenigen, die es glauben, von den Gebildeten für einfältig gehalten werden...«

Die Entstehung dieser falschen Auffassung erklärt er durchaus einleuchtend und fährt dann fort: »Daher kommt auch, daß fast alle, die aus der Welt hier ankommen, sich gar sehr wundern, daß sie leben und sie Menschen sind gerade wie zuvor, daß sie sehen, hören und reden, und daß ihr Körper einen Tastsinn hat, wie zuvor, und daß ganz und gar kein Unterschied ist... Wenn sie aber aufhören. sich über sich selbst zu verwundern, so wundern sie sich darüber, daß die Kirche nichts von einem solchen Zustand der Menschen nach dem Tode weiß...«

Der Geist erscheint also abermals wie in einem Leib, der sogar zunächst, wie wir noch hören werden, dem alten irdischen Körper ganz ähnlich sieht.


Die Ankunft drüben


Kehren wir nochmals zu Swedenborgs Bericht über sein Erlebnis des Sterbens zurück; unmittelbar daran schließt sich folgendes:

»Wenn die himmlischen Engel bei dem Auferweckten sind, so verlassen sie ihn nicht, weil sie jeglichen lieben; ist aber der Geist von der Art, daß er nicht länger mehr im Umgang mit den himmlischen Engeln sein kann, so ist er es, der sich von ihnen hinwegsehnt; wenn dies geschieht, so kommen die Engel aus dem geistigen Reich des Herrn, durch welche ihm der Genuß des Lichtes gegeben wird, denn vorher hatte er nichts gesehen, sondern bloß gedacht; es ward auch gezeigt, wie dies geschieht...« (Es folgt eine detaillierte Beschreibung dieses Vorgangs.) - »...dann sagen sie ihm, daß er ein Geist sei. Die geistigen Engel leisten, nachdem ihm der Genuß des Lichtes gegeben worden, dem neuen Geist alle Dienste, die er in diesem Zustand irgend wünschen mag, und unterrichten ihn über die Dinge, die im anderen Leben sind, soweit er es nämlich fassen kann; ist er aber nicht von der Art, daß er unterrichtet werden will, so sehnt sich der Auferweckte aus der Gesellschaft dieser Engel hinweg; gleichwohl jedoch verlassen nicht die Engel ihn, sondern er trennt sich von ihnen; denn die Engel lieben einen jeden und wünschen nichts sehnlicher, als Dienste zu leisten, zu unterrichten und in den Himmel zu erheben... Ich sprach mit einigen am dritten Tage nach ihrem Hinscheiden, und da ging dasjenige vor, wovon (eben) die Rede war.«

Bei diesen Gesprächen mit Jüngstverstorbenen mußte Swedenborg recht oft eine höchst überraschende Feststellung machen: Viele haben die Belehrung der Engel nicht erfaßt und wissen gar nicht, daß sie gestorben sind! Oft waren sie nur mühsam von dieser Tatsache zu überzeugen.

Auf den ersten Blick erscheint diese Behauptung einfach absurd. - Ganz allgemein findet sich in Swedenborgs Berichten nicht selten etwas, worüber der unbeschwerte Leser fürs erste einmal herzlich lacht, so lange, bis er ganz plötzlich stutzig wird.

In diesem besonderen Fall ist es notwendig, den Zustand der Neulinge in der anderen Welt erst einmal näher kennenzulernen.


Der erste Zustand und das Wiedersehen


»Der erste Zustand des Menschen nach denn Tod gleicht seinem Zustand in der Welt... er hat auch die gleiche Gesichtsbildung, Rede und Denkweise.... daher er alsdann nichts anderes weiß, als daß er noch in der Welt sei, wofern er nämlich nicht auf dasjenige merkt, was ihm zustößt und was ihm die Engel sagten, als er auferweckt wurde, daß er nämlich jetzt ein Geist sei ... So setzt sich das eine Leben in das andere fort, und der Tod ist bloß der Übergang«.

Swedenborg nennt diesen ersten Zustand des Neuankömmlings den Zustand des Äußeren: denn selbst ein Geist hat noch ein Äußeres und ein Inneres: »Das Auswendige des Geistes ist das, wodurch dieser den Körper des Menschen in der Welt, besonders sein Gesicht, seine Rede und seine Gebärden dem Umgang mit anderen anpaßt; das Inwendige des Geistes aber ist das, was zu seinem eigenen Willen und aus diesem kommenden Denken gehört und sich selten im Gesicht, in Rede und Gebärde offenbart... Von dieser Angewöhnung kommt her, daß der Mensch kaum sein Inwendiges kennet, sowie auch, daß er nicht darauf merkt«.

Auf Grund ungewohnter Wahrnehmungen wird endlich doch jedem Geist klar, wo er sich befindet, und die Reaktion des einzelnen darauf ist, wie man sich vorstellen kann, äußerst verschiedenartig. Swedenborg schreibt: »Die, welche in der Welt an gar kein Leben der Seele nach dem Tode des Körpers geglaubt hatten, sind, wenn sie bemerken, daß sie leben, sehr beschämt...«

Doch vermutlich finden auch sie schließlich Ablenkung in den zahlreichen neuen Erlebnissen, die ihnen bereits der erste Zustand in der anderen Welt ermöglicht. Da nämlich jeder Neuling einstweilen genauso aussieht wie im irdischen Leben, wird er sogleich von anderen wiedererkannt, »denn die Geister«, sagt Swedenborg, »kennen ihn nicht nur an seinem Angesicht und an seiner Rede, sondern auch an seiner Lebenssphäre, wenn sie ihm nahekommen; jeder im anderen Leben stellt, wenn er an den anderen denkt, sich auch dessen Gesicht und zugleich vieles vor, was zu seinem Leben gehört, und sobald er dies tut, wird der andere gegenwärtig, wie wenn er herbeigeholt und gerufen wäre«.

Auf diese Weise also kommt es zu dem allgemeinen Wiedersehen mit schon früher verstorbenen Angehörigen, Freunden und Bekannten: ja, es bietet sich die Möglichkeit, allerlei Berühmtheiten, die man nur vom Hörensagen gekannt und verehrt hat, jetzt persönlich kennenzulernen - was unter Umständen auch recht enttäuschend enden kann. Noch unerfreulicher verläuft natürlich die Begegnung mit unsympathischen Menschen, mit ehemaligen Gegnern und Feinden.

Die Freunde jedoch übernehmen es, den Ankömmling über seine neue Umwelt zu informieren: »Weil das Leben der neuangekommenen Geister nicht unähnlich ist ihrem Leben in der natürlichen Welt, und weil sie nichts wissen vom Zustand ihres Lebens nach dem Tod, noch etwas von Himmel und Hölle... so kommt sie, nachdem sie sich gewundert, daß sie in einem Leibe sind und alle Sinne haben wie in der Welt, und daß sie ähnliche Gegenstände sehen, ein Verlangen an zu wissen, wie der Himmel und wie die Hölle beschaffen, und wo diese seien; weshalb sie von ihren Freunden über den Zustand des ewigen Lebens belehrt und auch herumgeführt werden an mancherlei Orte und in mancherlei Gesellschaften, und einige in Städte und auch in Gärten und Paradiese, meistens zu Prächtigem, weil dergleichen das Äußere ergötzt, in dem sie sind«.

Hier dürfte es manchem geduldigen Leser zu bunt werden. Städte? Gärten? Paradiese? Sind das nicht endgültig bloß noch pure Phantasiebilder?


Das Panorama der geistigen Welt


Bei seinen Jenseits-Berichten beteuert Swedenborg immer wieder, er habe alles selbst gehört, gesehen, wahrgenommen, ganz ebenso klar und deutlich wie auf dieser Erde, ja oft noch weit klarer, heller, lebendiger. Anfangs hat er selbst dem Geschauten mißtraut, sich bemüht, alles nur als 'Erscheinungen' und 'Bilder' zu deuten; denn auch solche gibt es, wie er sagt, tatsächlich in der geistigen Welt häufig, und sie sind gut bekannt dort. Doch ist er endlich zu der Überzeugung gelangt, daß es darüber hinaus dort ebenso 'Wirkliches' gibt wie in unserer Welt. Wem das innere Sehen geöffnet ist, der kann ebenso wie die Geister selbst auch deren Umwelt sehen.


Da gibt es die verschiedensten Landschaften, Städte, Häuser und Gärten, Tiere und Pflanzen, ja sogar Gebrauchsgegenstände aller Art. Swedenborg hat sich jahrelang selbst darüber sehr verwundert. Seine Erklärung ist die, daß unsere diesseitige Weit bis in die kleinsten Einzelheiten eben nichts anderes als eine Entsprechung der jenseitigen, geistigen Welt darstellt. Dort ist das Urbild, hier nur das Abbild. - Nebenbei bemerkt ist die hier angewendete Lehre von den Entsprechungen uralt; Swedenborg hatte sich mit ihr schon in seiner naturwissenschaftlichen Periode intensiv beschäftigt.

Allerdings haben diese Landschaften und Gegenstände der anderen Welt eine sonderbare und ganz unirdische Eigenschaft: Sie sind nicht für jeden Geist in gleicher Weise sichtbar. Für jeden Einzelnen stimmt nämlich seine Umwelt mit seinem jeweiligen inneren Zustand überein, und den Veränderungen seines Inneren sich anpassend ändert sich auch jeweils die äußere Umgebung. - Es ist dies eine der interessantesten und subtilsten Thesen, die Swedenborg aus seinen visionären Beobachtungen abgeleitet hat, und sie erfordert vom Leser ein ziemliches Maß an Einfühlung; aber ist nicht besonders Künstlern ein ansatzweise ähnlicher Vorgang auch auf dieser Welt gut bekannt? Spiegelt sich nicht ein und dieselbe Straße, ein und dasselbe Zimmer in jedem Betrachter anders? - Überdies unterscheidet Swedenborg auch in der jenseitigen Welt reale und irreale Erscheinungen; erstere seien vor allem im Himmel, letztere in der an Illusionen und Täuschungen reichen Hölle. Er selbst vermag alles natürlich nur so zu schildern, wie er es gesehen hat, was nicht ausschließt, daß es ein anderer - auch ein anderer Visionär - anders sehen könnte.

Hier nur eine Probe aus seiner Schilderung der Geisterwelt:

»So wie die Geisterwelt ein Mittelzustand zwischen Himmel und Hölle bei dem Menschen ist, so ist sie auch ein Mittelort; unterhalb sind die Höllen und oberhalb sind die Himmel... Die Geisterwelt erscheint wie ein Tal zwischen Bergeis und Felsen, das da und dort sich einsenkt und ansteigt. Die Tore und Pforten zu den himmlischen Gesellschaften sind nur sichtbar, für die, welche zum Himmel zubereitet sind und werden von anderen nicht gefunden; zu jeder Gesellschaft führt aus der Geisterwelt ein Eingang, und hinter diesem ein Weg, der aber beim Hinansteigen sich in mehrere teilt: die Tore und Eingänge zu den Höllen erscheinen auch nur denen, die hineingehen sollen und denen sie alsdann geöffnet werden; und wenn sie geöffnet sind, so erscheinet, finstere, wie mit Ruß überzogene Höhlen, die sich schief abwärts in die Tiefe ziehen, wo wieder mehrere Eingänge sind; durch jene Höhlen dünsten garstige Dämpfe und ekelhafte Gerüche hervor, welche die guten Geister fliehen, weil sie ihnen ein Abscheu sind, während die bösen Geister sie begierig aufsuchen, weil sie ihnen behagen«.


Erste Untersuchungen und Übergang in den zweiten Zustand


Die neuangekommenen Geister werden also herumgeführt, was aber nicht nur ihrer eigenen Information dient; gleichzeitig nämlich werden sie bei dieser Gelegenheit von den anderen - vor allem den guten Geistern - stillschweigend beobachtet und taxiert, - nicht viel anders als wenn einer auf Erden in ein fremdes Land, in eine neue Gesellschaft kommt. Im Geisterreich wird der Charakter der Ankömmlinge besonders aus ihren Reaktionen auf verschiedene Gesprächsthemen erschlossen, aber »sie werden auch daran erkannt, daß sie sich häufig gegen gewisse Gegenden hinwenden und, wenn sie sich selbst überlassen sind, die dahinführenden Wege gehen«.

Bisher sind Aussehen und Benehmen der Neulinge ja noch so wie in der Welt, doch das ändert sich bald. Nach einiger Zeit schwinden alle herübergebrachten äußerlichen Verhaltensweisen, alle nur irdisch bedingten Hemmungen: Der Geist kommt in seinen zweiten Zustand, den 'Zustand des Inneren'. Jede Art von Maske, von äußerlicher Fassade fällt, der Mensch zeigt sich nun frei und ungeniert so wie er wirklich denkt und fühlt, wie er eigentlich ist. Es ist ein Zustand völliger Freiheit, in dem bei jedem seine 'herrschende Liebe', wie es Swedenborg bezeichnet, voll zutage tritt.

»Jedem Menschen bleibt nach denn Tode seine Grundneigung oder herrschende Liebe: diese wird in Ewigkeit nicht ausgerottet, weil des Menschen Geist ganz so ist wie seine Liebe, und, was ein Geheimnis ist, eines jeden Geistes oder Engels Leib die äußere Gestaltung seiner Liebe ist, welche der inneren Gestalt, nämlich der seiner Gesinnung und seines Gemüts, ganz entspricht«.

Diese "herrschende Liebe" also ist das eigentliche Endergebnis, das unabänderliche Fazit eines jeden Erdenlebens. Dazu noch folgende Erklärung, die viel zu denken geben kann:

»Die Engel sagten, das Leben der herrschenden Liebe werde bei keinem je in Ewigkeit verändert, weil jeder seine Liebe ist, diese also bei einem Geist verändern so viel wäre, als ihn seines Lebens berauben oder (ihn) vernichten. Sie nannten auch die Ursache, daß nämlich der Mensch nach dem Tode nicht mehr wie in der Welt durch Unterricht gebessert werden könne, weil die letzte Unterlage, welche aus natürlichen Erkenntnissen und Neigungen besteht, alsdann ruht und nicht aufgeschlossen werden kann, da sie nicht geistig ist ... und daher komme, daß der Mensch in Ewigkeit so bleibt, wie sein Liebeleben in der Welt gewesen war«.

Ganz unwillkürlich gleitet der Geist in diesen 'Zustand des Inneren' hinein. Nun ist er erst wirklich er selbst, sein Aussehen wie sein Auftreten zeigen jetzt unverhüllt allen Geistern und Engeln seine volle Persönlichkeit. Wie aber wirkt sich das auf den Geist selbst aus?

»Alle, welche in der Welt im Guten gelebt und nach dem Gewissem gehandelt haben ... erscheinen sich ... wie die, welche aus dem Schlaf erwacht in den Zustand des Wachens, und wie die, welche aus dem Schatten ins Licht kommen ... Auch fließt der Himmel in ihre Gedanken und Neigungen ein mit einer inwendigen Seligkeit und Lust. von der sie früher nichts gewußt hatten; denn sie haben Gemeinschaft mit den Engeln des Himmels ... Ganz entgegengesetzt aber ist der Zustand derer, die auf der Welt im Bösen gelebt und kein Gewissen gehabt ... Die so Beschaffenen erscheinen im anderen Leben ... wie Narren; denn von ihren bösen Begierden aus stürzen sie sich in Schandtaten, in Geringschätzung anderer, Verhöhnungen und Lästerungen, in Ausbrüche des Hasses, der Rache, sie schmieden Ränke ... Mit einem Wort, sie sind der Vernünftigkeit beraubt, weil das Vernünftige in der Welt seinen Sitz nicht in ihrem Inwendigen, sondern im Auswendigen gehabt hatte; gleichwohl jedoch erscheinen sie sich selbst dann als weiser denn andere«.

Swedenborg zitiert dafür eine Reihe höchst anschaulicher, individueller Beispiele aus seinen Erfahrungen. Auf diesen zweiten Zustand jedes Geistes, den des aufgedeckten Inneren, bezieht er auch das Wort Christi: »Nichts ist zugedeckt, was nicht enthüllt, und nichts verborgen, das nicht erkannt werden wird; was ihr im Finstern gesagt habt, wird man im Lichte hören, und was ihr ins Ohr geredet in den Gemächern, das wird man auf den Dächern verkündigen« (Luk. 12. 2. 3).


Das persönliche Gericht aus dem inneren Gedächtnis


Dieser Zustand des Inneren ist, wie der Leser merkt, schon an sich ein Zustand des Gerichts. Zu all dem kommt aber noch etwas anderes, nämlich das Gedächtnis, das jeder Mensch aus der Welt mitgebracht hat. Auch hier unterscheidet Swedenborg ein äußeres und ein inneres Gedächtnis. Das äußere umfaßt alle rein materiellen und irdischen Kenntnisse und Erinnerungen, auch alles bloß mechanisch Angelernte, wie etwa Namen - sogar den eigenen! -, Daten, Formeln, Sprachen usw., kurz alles, was nicht wirklich ins innere Wissen und in den Aufbau der Persönlichkeit übergegangen war. Dieses äußere Gedächtnis ist nun in der geistigen Welt wertlos geworden und 'ruht' deshalb - eine Tatsache, die ja auch Katharina von Genua gesehen hat; nach Swedenborg kann dieses Gedächtnis durch göttliche Fügung reaktiviert werden. Eine Wiedererinnerung an irdisch Äußerliches ist also nicht ausgeschlossen.


Weit, weit umfassender und wertbeständiger zeigt sich dagegen das innere Gedächtnis. Es stellt eine sich lückenlos über das ganze Leben erstreckende Aufzeichnung aller Handlungen, Worte und Gedanken des Menschen dar, und zwar bis in die subtilsten Einzelheiten und samt allen Einflüssen und Begleitumständen. Diese Lebenschronik ist für den jenseitigen Beobachter aus dem Gesicht und dem ganzen geistigen Körper des Verstorbenen ablesbar: »Wenn dem Menschen nach dem Tode seine Taten aufgedeckt werden, so betrachten die Engel, welchen das Amt der Untersuchung übergeben ist, sein Angesicht, und die Untersuchung fährt durch den ganzen Leib, indem sie bei den Fingern der einen und der anderen Hand anlangt und von da aus durch das Ganze sich verbreitet; da ich mich wunderte, woher dies komme, so wurde es (mir) entdeckt; daß nämlich die Einzelheiten des Denkens und Wollens, wie sie dem Gehirn eingeschrieben sind (denn in diesem sind deren Anfänge), so auch dem ganzen Leib eingeschrieben sind...«

Zur gleichen Zeit erscheinen den bei der Untersuchung Anwesenden auch noch alle Einzelheiten des betreffenden Lebenslautes in Bildern, sogar Beweisstücke werden beigebracht und Verbrecher werden von ihren seinerzeitigen Opfern angeklagt. Swedenborg erzählt aus eigener Erfahrung von zahlreichen derartigen Gerichtsszenen, und aus seinen Worten wird klar, daß er selbst das Geschaute kaum fassen konnte. Er bringt dazu ausführliche Erläuterungen, auch psychologischer Art, und bemerkt abschließend lakonisch: »Ich weiß, daß diese Dinge als Widersinniges erscheinen und daher kaum geglaubt werden, allein gleich wohl sind sie wahr«.


Die Trennung der Guten und der Bösen


Der Begriff des Gerichts ist zwar traditionell christlich, doch klingt er, weil allzu irdisch, etwas irreführend. Swedenborg selbst spricht vorsichtig meist von 'Enthüllungen'. Gewiß, es wird alles aufgedeckt, die volle Wahrheit über das Leben des Einzelnen tritt vor aller Augen zutage. Aber das Ende dieser (Gerichts)Verhandlung ist anders als auf Erden: Kein Urteilsspruch erfolgt, kein Lohn, keine Strafe - im irdisch groben, gewaltsamen Sinn - werden aufdiktiert.

Und trotzdem ist das Bild vom Gericht zutreffend und innerlich wahr; nur tritt das 'Urteil', d.h. die psychologische Konsequenz, ganz von selbst ein. Wer völlig ungehemmt nur noch aus seinen innersten Neigungen lebt und sich gleichzeitig von den anderen restlos erkannt und durchschaut fühlt, der will und kann mit ihnen nicht mehr wie bisher nach gleichsam irdischer Art weiterleben und verkehren. Daher trennt er sich jetzt von allen nur oberflächlichen Bindungen; viele aus der Welt mitgebrachte Freundschaften - oft auch Ehen - gehen stillschweigend auseinander. Aus innerstem Bedürfnis beginnt nun jeder nach 'Seinesgleichen' zu suchen, nach jener Umgebung, wo man ihn wirklich versteht, wo er sich nicht zu schämen braucht.

Und tatsächlich gibt es in der anderen Welt für jeden irgendeine Gemeinschaft, die seinem Wesen voll entspricht. Mit dieser war er unbewußt bereits während seines Erdenlebens in Verbindung. In der Regel gelangt der Geist dort drüben freilich nur auf - mitunter sehr weiten - Umwegen durch verschiedene andere, ihm nur teilweise zusagende Gesellschaften, zum eigentlichen Ort seiner Bestimmung.


Der Weg durch die Reinigung


Der Seher berichtet, er sei Zeuge gewesen, wie einige nach ihrem Tod direkt in den Himmel oder auch in die Hölle gelangten; aber das sind eher Ausnahmefälle. Die allermeisten gehen einen oft sehr weiten, immer aber ganz persönlich gestalteten Weg. Swedenborg wird nie müde, die enorme Mannigfaltigkeit, die zahllosen Variationen und Abstufungen im ganzen Jenseitsbereich hervorzuheben. Für jeden Menschen setzt sich dort eben seine höchst individuelle Entwicklung, sein unwiederholbares Einzelschicksal fort.

Jene Geister, die die Enthüllung im zweiten Zustand erlebt haben, gelangen danach zumeist an Orte der Reinigung. - Es ist sehr bemerkenswert, daß gerade Swedenborg, der Protestant, immer wieder zahllose derartige Reinigungsvorgänge oder 'Abödungen' (vastationes) schildert, die er mitangesehen habe.

Bei an sich gutgearteten Geistern werden so alle ihnen noch aus der Welt anhaftenden, allzu irdischen, bösen oder falschen Elemente abgestreift, alles, was bei ihnen noch nicht mit der himmlischen Seinsweise übereinstimmt. Denn unvorbereitet in den Himmel zu gelangen, ist zwar an sich nicht unmöglich, aber, wie der Leser zu seiner Überraschung erfährt, nicht nur keineswegs angenehm, sondern ebenso schmerzhaft wie gefährlich!

Swedenborg betont, »wie sehr sich täuscht, wer da meint, in den Himmel kommen sei bloß unter die Engel erhoben werden, wie immer man auch nach seinem inwendigen Leben beschaffen sein möge, und daß somit der Himmel jedem aus unvermittelter Barmherzigkeit gegeben werde; während doch, wofern der Himmel nicht innerhalb jemandes ist, nichts vom Himmel, der außerhalb ist, einfließt und aufgenommen wird. Es gibt viele Geister, die in solcher Meinung stehen und deshalb auch ihres Glaubens wegen in den Himmel erhoben wurden; weil aber ihr inwendiges Leben dem Leben, in dem die Engel sind, entgegengesetzt war, so begannen sie, sobald sie dort waren, ihrem Verstande nach zu erblinden, so daß sie wie Dummköpfe wurden und auch in ihrem Wollen sich so peinlich beengt zu fühlen, daß sie sich zuletzt wie Wahnsinnige gebärdeten: mit einem Wort, die ein böses Leben führen und in den Himmel geraten, kämpfen dort mit dem Atem und quälen sich ab, vergleichsweise wie Fische außerhalb des Wassers in der Atmosphäre«. - Selbstverständlich werden solche Unvorbereitete sehr bald wieder in ihren früheren Zustand zurückversetzt.


Die "Abödung" stellt also eine absolute Notwendigkeit dar. Aber wie geschieht sie? - Auch wieder auf vielfältige, ganz persönlich abgestimmte Weise. Nicht wenige verrichten Arbeiten, z.B. daß sie anscheinend Holz spalten oder Gras mähen, wobei sie übrigens selbst von der Verdienstlichkeit solcher Arbeiten tief überzeugt sind. Swedenborg persönlich teilt allerdings als echter Mystiker diese Anschauung vom 'Selbstverdienen' keineswegs. - Andere Geister werden gereinigt durch eine Art geistiger Gefangenschaft, wobei ihr Verlangen nach Wahrheit zunächst einmal nicht gestillt wird, oder auch durch allerhand Anfechtungen, Gewissensnöte und Reue. Für manche besteht die Reinigung in echten Qualen, für andere dagegen bloß in einer Art von Schlaf. All diese Zustände können auch abwechseln; die Variationsmöglichkeiten sind unbegrenzt.

Als Ort der Reinigungsvorgänge nennt Swedenborg die 'untere Erde' (terra inferior) und sagt von ihr bezeichnenderweise, sie sei von Höllen umringt. Überhaupt gewinnt man aus seinen Berichten den Eindruck, daß zwischen den Hauptkategorien Himmel, Geisterwelt und Hölle noch Raum genug bleibt für weite und gleichsam unerforschte Übergangszonen, die sich jeder genaueren menschlichen Klassifizierung zu entziehen scheinen. In der Anfangszeit seiner visionären Erfahrungen hatte Swedenborg gewissermaßen krampfhaft versucht, mit den ihm traditionell vertrauten Kategorien 'Himmel' und 'Hölle' sein Auslangen zu finden; es ist ihm nicht gelungen. Übrigens teilt er diese - sozusagen methodische - Schwierigkeit mit anderen Jenseits-Sehern, z.B. auch mit der Emmerick.


Der dritte Zustand und der himmlische Unterricht


Um in eine Gesellschaft des Himmels Aufnahme zu finden, bedürfen die meisten Geister nicht nur der Reinigung, sondern auch einer Art von einführender Unterweisung. Diese erhalten sie in ihrem dritten Zustand. Allerdings gelangen nur die hierfür Geeigneten überhaupt noch in diesen Zustand. Swedenborg berichtet von vielen eigenen, traurig gescheiterten Versuchen, bösartige Geister durch Aussprache und behutsame Belehrung noch zu erziehen und zu bessern; er mußte feststellen, daß sie Wahrheiten allenfalls noch rein intellektuell auffassen und auch darüber diskutieren, sie aber nicht mehr wirklich aufnehmen können.

Für die Guten und Aufnahmefähigen erfolgt der himmlische Unterricht wieder in ganz individueller Weise, je nach Veranlagung, Vorkenntnissen und geistiger Fassungskraft. Er geht an verschiedenen Orten vor sich und wird durch verschiedene Kategorien von Engeln erteilt, je nachdem ob es sich dabei um Kinder, Erwachsene, um Christen, Mohammedaner, Heiden und so weiter handelt. Manche guten Heiden zeigen sich übrigens, wie Swedenborg versichert, weit leichter belehrbar als viele Christen, »denn die Kirche des Herrn ist allumfassend, und bei allen denen, welche das Göttliche anerkennen und in tätiger Liebe leben«.

Die Art des Unterrichts hat auch mit irdischen Vorstellungen von 'Schule' wenig zu tun. »Die Unterweisungen im Himmel unterscheiden sich von den Unterweisungen auf Erden darin, daß die Kenntnisse nicht dem Gedächtnis, sondern dem Leben übergehen werden«. - Von rein verstandesmäßigem Studium ist also keine Rede, alles wird intuitiv und aus innerster Neigung aufgefaßt und daher echt angeeignet und sogleich praktisch verwendet; Swedenborg fügt erklärend hinzu: »denn die Geister sind Neigungen (affectiones)«. Das bedingt begreiflicherweise eine unendliche Skala individueller Verschiedenheiten in der Art des Unterrichts wie in der Auffassung. Eine so den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen angepaßte Schulung braucht auch nur von kurzer Dauer zu sein.

In der Welt bloß durch Büffeln oder Streberei erworbene theologische Gelehrsamkeit erweist sich bei dieser Gelegenheit als wertloses Stroh. (Solche, die) »in dem Glauben standen, sie seien gelehrter als andere und würden so in den Himmel kommen, und die Engel würden ihnen dienen, wurden, damit sie von ihrem albernen Glauben abgebracht würden, bis zum ersten oder untersten Himmel erhoben, um in eine gewisse Engelsgesellschaft eingeführt zu werden; als sie aber am Eingang standen, fingen sie an, beim Einfluß des Himmelslichtes an den Augen zu erblinden und dann im Verstand verwirrt zu werden und zuletzt mit denn Atem zu kämpfen wie die Sterbenden; und als sie die Wärme des Himmels fühlten, welche die himmlische Liebe ist, begannen sie inwendig gequält zu werden, weshalb sie von da herabgeworfen, und nachher belehrt wurden, daß die Kenntnisse nicht den Engel ausmachen, sondern das wirkliche Leben, das man durch die Kenntnisse erlangt hat. «


Die Aufnahme in die Freuden


Es ist wohl kaum mehr nötig zu sagen, daß auch der eigentliche Aufstieg in den Himmel unter der Führung von Engeln und auf sehr verschiedenen Wegen erfolgt, oftmals direkt vom Ort der Reinigung aus. Der sonst so beherrschte und zurückhaltende Swedenborg hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen solche Gesichte von der Aufnahme unter die Engel nur mit tiefster Ergriffenheit zu schildern vermocht. In "Himmel und Hölle" bemüht er sich, dem Leser einen allgemeinen Begriff davon zu vermitteln:

»(Sie) werden zuerst in paradiesische Gefilde gebracht, die jedes Denkbild der Einbildungskraft übertreffen; sie meinen dann, sie seien ins himmlische Paradies gekommen, werden aber belehrt, daß dies nicht die wahrhaft himmlische Seligkeit ist; es werden ihnen daher die tiefer inwendigen Zustände der Freude bis zu ihrem innersten zu empfinden gegeben; hernach werden sie in den Zustand des Friedens bis in ihr Innerstes versetzt, wo sie dann bekennen, daß nichts davon je ausgedrückt oder auch nur durch Gedanken erreicht werden könne; endlich in den Zustand der Unschuld, gleichfalls bis zu ihrer innersten Empfindung; dadurch wird ihnen zu erkennen gegeben, was das wahrhaft geistige und himmlische Gute ist.«

Wie abstrakt diese Schilderung bleibt, ist Swedenborg wohl selbst klar gewesen, denn er erklärt anschließend: »Damit ich aber wissen möge, was und wie beschaffen der Himmel und die himmlische Freude ist, wurde mir vom Herrn gegeben, oft und lange die Wonnen der himmlischen Freuden zu empfinden, weshalb ich sie, weil aus lebendiger Erfahrung, wohl kennen, aber durchaus nicht beschreiben kann.«


Gestalt und Ordnung der Himmel


Der Leser mag etwas enttäuscht sein; daß die Freuden der Seligen nicht wiedergegeben werden können, ist schließlich nichts Neues. In diesem Punkt gelangen freilich alle Jenseits-Seher, auch wenn sie poetischer veranlagt sind als Swedenborg, an eine Grenze, die nicht mehr überschreitbar ist. Was aber wäre ein Himmelsglück, das sich mit menschlichen Vorstellungen umgreifen ließe, schon wert?

Abgesehen davon aber gibt Swedenborg von Himmel - oder vielmehr von den Himmeln - die vielleicht eingehendste Schilderung von allen christlichen Sehern überhaupt. Hier kann nur ganz weniges herausgegriffen werden.

Er unterscheidet drei Himmel in aufsteigender Rangordnung, überdies das 'geistige' und das 'himmlische Reich'. Wesentlicher vielleicht als dieser gewissermaßen menschlich-subjektive Einteilungsversuch ist wohl die Ausbreitung der unabsehbaren Fülle und Mannigfaltigkeit von zahllosen 'Gesellschaften', aus denen die Himmel bestehen; Swedenborg erinnert dabei an das Wort Jesu, daß »in meines Vaters Hause viele Wohnungen seien«. Jede dieser Gemeinschaften hat einen besonderen Charakter, ebenso wie auch jeder Engel stets seine mitgebrachte persönliche Eigenart, seine ihm von Gott verliehene "herrschende Liebe" bewahrt. - »Daß das vom Herrn ausgehende Göttliche, welches die Engel anregt und den Himmel macht, Liebe sei, bezeugt alle Erfahrung im Himmel; denn alle, die dort sind, sind Ausgestaltungen der Liehe und Liebtätigkeit, sie erscheinen in unaussprechlicher Schönheit, und Liebe leuchtet aus ihrem Antlitz, aus ihrer Rede, und aus dem Einzelnen ihres Lebens.«


Der Himmel ist keineswegs bloß die äußere Umwelt der Engel, nein, jeder trägt ihn in seinem Inneren. Jeder Engel ist selbst der Himmel in kleinster Gestalt. Die Gesellschaften werden durch neueingetretene Mitglieder dabei ständig noch weiter vervollkommnet. Ebenso ist auch die Entwicklung des Einzelnen mit seiner Aufnahme in eine himmlische Gemeinschaft keineswegs zu Ende, sondern sie setzt sich immer weiter fort. Nach Swedenborgs Anschauung ist also der Himmel durchaus nicht statisch ruhend, vielmehr ist er ständige Bewegung, ewiges Leben.


Über die Ordnung des Himmels teilt Swedenborg noch etwas sehr Eigenartiges mit, als »ein in der Welt noch nicht bekanntes Geheimnis«: Der Himmel stellt in seiner Gesamtheit die Gestalt eines Menschen dar. Die Engel nennen ihn »den größten und den göttlichen Menschen«. Das Leben Gottes strömt unmittelbar in diese Gestalt ein und belebt sie. Die einzelnen Gesellschaften stellen die verschiedenen Teile und Partikeln dieses universellen Leibes dar, und Swedenborg wird niemals müde, diese Entsprechungen bis in die feinsten anatomischen Einzelheiten zu erläutern. Gleichzeitig erscheint aber dem geistigen Auge auch jede einzelne Gesellschaft für sich betrachtet als eine menschliche Gestalt. - Ein Bild nur? Wer will, könnte gerade hier einmal versuchen, das Gesagte tiefer in sich aufzunehmen, es zu prüfen, die Konsequenzen zu überlegen. Der »größte Mensch« (homo maximus) gehört nämlich zum Genialsten, was Swedenborg überhaupt gegeben hat.


Wie man im Himmel lebt


Das Dasein in einem so bis ins letzte von Leben und Energie durchpulsten Zustand kann keinesfalls in einer ewigen, selig-faden Untätigkeit bestehen. Sehr ausführlich und mit deutlichem Sarkasmus schildert Swedenborg, wie bei Neulingen derartige falsche Vorstellungen von der himmlischen Freude und Ruhe beseitigt werden: Jeder wird für einige Zeit in seine zusammenphantasierte "Seligkeit" versetzt, mit dem Ergebnis, daß er diese selbsterdachten Freuden wegen ihrer Eintönigkeit bald nicht mehr aushalten kann.

Das wirkliche Himmelsglück besteht darin, daß jeder Engel in einer auf ihn ganz persönlich abgestimmten Weise seine Liebe und seine Neigungen erfolgreich betätigen kann. Eine Reihe solcher Wirksamkeiten der Engel werden konkret aufgezählt, wie das Behüten der Menschen in der Welt, die Erweckung der Verstorbenen, ihre Einführung und Unterweisung im Jenseits, die Erziehung von Kindern, der Schutz gegen böse Geister, die Hilfe für die Seelen in der 'unteren Erde', ja sogar die Aufsicht über die Höllen. Dies alles sind freilich Werke Gottes selbst, aber sie werden mittels der Engel ausgeführt.

Über die innere Haltung der Himmelsbewohner aber sagt Swedenborg folgendes:

»Ich sprach mit solchen Geistern, die da meinten, der Himmel und die himmlischen Freuden bestünden darin, daß man ein Großer sei; allein es ward ihnen gesagt, im Himmel sei der Größte, wer der Kleinste ist: denn der Kleinste heiße, wer nichts vermag und weiß und auch nichts vermögen und wissen will aus sieh selbst, sondern aus dem Herrn: ein solcher Kleinster genieße die größte Glückseligkeit; und weil er die größte Glückseligkeit genieße, so sei er auch der Größte; denn so vermöge er aus dem Herrn alles und sei weiser als alle ... Weiter ward gesagt, der Himmel bestehe auch nicht darin, daß man der Kleinste sein wolle, um der Größte zu sein, sondern er bestehe darin, daß man von Herzen anderen mehr wohl will als sich selbst und anderen dienen will um ihrer Glückseligkeit willen, ohne irgendwelche selbstische Absicht auf Belohnung, sondern aus Liebe«. - Vielleicht ist es nicht ganz wertlos, die altbekannten Worte aus dem Neuen Testament einmal von einem erfahrenen Mystiker und Jenseitskundigen auf solche Weise neu ausgelegt zu hören.

Jeder Engel also hat seinen Beruf, der zugleich seine Berufung ist, und lebt dabei in einer wundervollen, seinem Wesen wirklich entsprechenden Umgehung. So ist er in der wahren himmlischen Freude; doch nimmt er sie nur soweit in sich auf, als sein Innerstes dazu imstande ist. Ein höherer Grad, ein Übermaß an dieser Freude wäre schmerzhaft, ja nicht zu ertragen.


Antworten auf bedrängende Fragen


Strindberg hat einmal geschrieben: »Swedenborgs Welt ist unermeßlich umfassend; er hat mir auf alle meine Fragen geantwortet, wie sehr sie mich auch bedrängen mochten.« - In der Tat ist das ein besonderer Vorzug des schwedischen Sehers, der ja selbst fast alle nur erdenklichen Fragen, Zweifel und Schwierigkeiten eines gebildeten und aufgeklärten Menschen in sich getragen und durchgestanden hat. Wer danach sucht, kann bei ihm eine eingehende und lichtvolle Behandlung vieler, vieler Spezialprobleme finden. So erörtert er die Frage von Raum und Zeit in der geistigen Welt, die Herkunft des Lichtes im Himmel und in der Hölle, die leibliche Erscheinung von Engeln und Geistern, die Fortbewegung und das Wandern im Jenseits, die Landschaften und besonders die Städte, die Pflanzen und Tiererscheinungen dort, ja gar nicht selten berichtet er über Engel und Geister, die nicht von unserer Erde, sondern von anderen bewohnten Himmelskörpern stammen - eine Frage, die viele Philosophen, Theologen und auch Seher schon seit der Antike stark beschäftigt hat. - Swedenborg befaßt sich übrigens auch mit den Tieren unserer Erde, ihren erstaunlichen Fähigkeiten und ihrer Stellung in der Schöpfung. Er warnt wiederholt vor den zahllosen Mißverständnissen und raffinierten Täuschungen, die beim Menschen durch den Verkehr mit Geistern hervorgerufen werden, welche an sich nicht immer böswillig zu sein brauchen; aus einer solchen Täuschung ist, wie er meint. z. B. die Lehre von der Seelenwanderung entstanden.


Aber sind das alles wirklich bedrängende Fragen? Für manche ganz gewiß. Doch gibt es menschlich noch ungleich wichtigere, wirklich quälende.

Da ist vielleicht in erster Linie das Problem der frühverstorbenen Kinder. Swedenborg ist dem Geheimnis der Kinderseele hier und drüben nachgegangen wie kaum ein zweiter, und er bestätigt die uralte, aber oft halbverleugnete oder verschwiegene Hoffnung vieler: Jedes kleine Kind, - ob nun getauft oder ungetauft, von christlichen oder nichtchristlichen Eltern - ausnahmslos jedes kommt direkt in den Himmel.

Solche Kinder sind deshalb freilich noch keine Engel; er sagt vielmehr, fein unterscheidend: »Sie sind bloß in den Anfängen, von welchen aus sie Engel werden können; denn die Kinder sind nicht Engel, sondern werden Engel«. - Die verstorbenen Kleinkinder werden dort erzogen und in himmlische Kenntnisse eingeführt; sie wachsen auch heran bis zum Alter der ersten Jugend - was etwa dem Ende der irdischen Pubertät entspricht - und verbleiben darin.

Im Zusammenhang mit den Kindern erläutert Swedenborg auch in einer wunderbaren Weise den Begriff der Unschuld - ein heute nur noch zum Spott reizendes, da völlig sinnentleertes Wort, das bei ihm etwas ganz anderes bedeutet, als man so üblicherweise annimmt.


Ehen im Jenseits


Eine zweite überragende, existentiell wichtige Frage ist die nach denn Schicksal der Ehepaare in der anderen Welt.

Die Antwort darauf ist bei Swedenborg selbst nur schrittweise herangereift bis zu der umfassenden Darstellung und unerhört tiefgründigen Ausdeutung dieses ganzen Problemkreises, welche sein Spätwerk »Die eheliche Liebe« bietet. Hier können bloß einige Umrisse skizziert werden:

Der Mensch bleibt auch im anderen Leben vollwertig Mann oder Frau, weil das Geschlecht zu seinem innersten Wesensbestand gehört. Schon daraus geht hervor, daß es im Jenseits nicht nur Ehen geben muß, sondern daß gerade die Vollendung einer echten Ehe, die alle leiblichen und seelisch-geistigen Schichten der Partner umfaßt und durchdringt, dort überhaupt erst Tatsache werden kann. Im genannten Werk heißt es darüber: »Denn Mann und Weib sind so geschaffen, daß aus zweien gleichsam ein Mensch werden kann, oder ein Fleisch, und wenn sie eins werden, dann sind sie zusammengenommen ein Mensch in seinem Vollbestand, ohne diese Verbindung aber sind sie zwei, und jedes wie ein geteilter oder halber Mensch«. - Das ist die gleiche uralte Tradition, die für uns in erster Linie mit dem Namen Platons verknüpft ist.

Swedenborg unterscheidet nun die Geschlechtsliebe, das ist die Liebe - oder die Liebschaften - des natürlichen Menschen, von der ehelichen Liebe, der Liebe des geistigen Menschen, die sich wesensmäßig nur auf einen einzigen Partner konzentrieren kann. - Dabei ist der visionäre Autor nun keineswegs ein prüder Puritaner; er verwirft die 'Geschlechtsliebe', die Sexualität, durchaus nicht, sondern betrachtet sie als die natürliche Basis der anderen, der ehelichen und geistigen Liebe. Dieser Sohn des achtzehnten Jahrhunderts kennt sehr wohl die ganze Problematik des Sexuellen - auch aus persönlichem Erleben; und als welterfahrener Mann kennt er nicht weniger die zahllosen menschlich-allzumenschlichen Motive irdischer Eheschließungen, welche zu seiner Zeit noch weit seltener aus innerer Neigung erfolgt sind als heute. Alles das weiß Swedenborg nur zu gut, und er schildert und beurteilt diese Verhältnisse höchst realistisch und menschlich verständnisvoll.


Doch um die Ehen in der anderen Welt steht es, nach seiner Aussage, grundlegend anders: Nichts Unechtes, nichts in irgendeiner Weise Zusammengezwungenes kann sich hier halten; derartige Ehen trennen sich, wie schon oben gesagt, im zweiten Zustand der Partner von selbst. Nur die innerlich echten Ehen aus dieser Welt überstehen diese Probezeit und dauern im Jenseits fort. Den von ihrem irdischen Gatten Getrennten aber wird ihr wirklicher, gottgewollter Partner zugeführt. Wer grundsätzlich unvermählt bleiben will, dem steht dies natürlich frei; er gelangt dann in einen anderen Himmel als die Verheirateten.


Ebenso wie jeder einzelne Engel werden auch die himmlischen Ehen immer noch vollkommener, die beiden Gatten werden immer inniger und innerlicher eins. In einer Reihe von besonders anschaulichen, farbigen Visionen, die lange im Gedächtnis haften, schildert Swedenborg seine Begegnungen mit solchen Engels-Ehepaaren. Merkwürdigerweise erscheinen sie, in der Nähe gesehen, wohl als zwei, von Ferne aber nur als eine einzige Person.

Gerade in diesem Zusammenhang muß noch ein wichtiges Element der jenseitigen Freuden erwähnt werden: Alte, vom Leben verbrauchte Menschen werden im Himmel allmählich wieder jung und jeder wird in einer ganz persönlichen Weise schön und auch in seiner äußeren Erscheinung zum Ebenbild seiner innersten Neigung.


Der Weg nach untern


Wie aber steht es nun mit jenen Geistern, die sich in ihrem zweiten Zustand von den künftigen Himmelsbewohnern radikal abgespalten haben, und die sich auf Grund ihrer im irdischen Leben angeeigneten Natur jedem höheren Einfluß verschließen?


Sie sind fürs erste, wie jeder im zweiten Zustand, total und ohne Hemmung ihrem eigenen Wollen, ihren Trieben und Neigungen überliefert. Und so leben sie sich aus. Ein außenstehender Beobachter stellt fest, daß sie dabei völlig in ihren Phantasien befangen sind; sie machen, wie Swedenborg sagt, sehr oft den Eindruck von Verrückten. Mit der Zeit vergröbert sich dabei ihre – bei Geistern an sich sehr feine - Wahrnehmungsfähigkeit; ihre Sinne funktionieren am Ende sogar bedeutend schlechter als die der irdischen Menschen und sind mit denen der Engel überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Während solche Geister sich meist selbst für überaus klug, listig und abenteuerlich mächtig halten, ist - objektiv gesehen - eine ausgesprochene Verdummung eingetreten. Ihren Wahnvorstellungen hingegeben, stiften sie mancherlei an, von Verstellungen, Lügen und grobem Unfug bis zu den widerlichsten Bosheitsakten.

Eine höhere Kontrolle sorgt dafür, daß sie andersgearteten Geistern keinen ernstlichen Schaden zufügen und einander durch die gegenseitigen Quälereien und Bestrafungen wenigstens vor einer noch weiteren Verschlechterung des inneren Zustandes über das jeweilige persönliche Maß hinaus bewahren. Wie Swedenborg eindringlich darstellt, sind diese Strafen keineswegs von Gott verhängt, sondern bloß eine natürliche, gewissermaßen automatische Folgeerscheinung des Bösen. Jeder wird zum Quälgeist des andern.

Währenddessen wenden sie sich stufenweise jener höllischen Gesellschaft zu, zu der sie bereits im Erdenleben eine innere Beziehung hatten. Sehr viele fluktuieren für einige Zeit zwischen Geisterwelt und Hölle noch hin und her. Am Ende des zweiten Zustandes jedoch stürzen sie sich selbst - wie es ja auch Katharina von Genua gesehen hat - aus völlig freiem Willen in die Hölle zu ihresgleichen.


Was aber ist die Hölle?


In etlichen Werken beschreibt Swedenborg diese Daseinsform in zahllosen Visionen, deren Grauen ein elementares Entsetzen erregt, vielleicht ärger noch als das geniale Inferno Dantes. Aber er tut zugleich noch mehr, ungleich mehr als die meisten übrigen Seher vermögen; er erläutert das Wesen der Hölle mit viel Geduld und großem Ernst. Und allmählich beginnt man ein wenig davon zu begreifen.

Vor allem ist diese Hölle nichts von außen her Auferlegtes, kein Kerker, in den der Verurteilte gewaltsam gestoßen und eingesperrt wird. Nein, sie ist etwas ganz anderes, nämlich ein innerer Zustand; ganz ebenso wie auch der 'Himmel' und die 'Geisterwelt' bestimmte Zustände sind. - Besonders klar wird das aus Swedenborgs Erklärung des höllischen Feuers. Dieses Feuer, sagt er, ist nichts anderes als die höllische Liebe. Sie besteht aus dem Egoismus (der Selbstliebe) und der blinden Gier nach irdischen Werten (der Weltliebe). Ihre Entstehung aber ist folgende:

»Das höllische Feuer oder die höllische Liebe entspringt aus der gleichen Quelle, aus der das himmlische Feuer oder die himmlische Liebe, entspringt, nämlich aus der Sonne des Himmels oder dem Herrn; es wird aber höllisch durch die, welche es aufnehmen; denn aller Einfluß aus der geistigen Welt wird verschieden bestimmt je nach der Aufnahme oder den Formen, in die er einfließt; nicht anders als die Wärme und das Licht aus der Sonne dieser Welt; die aus ihr in die Baumpflanzungen und Blumenbeete einfließende Wärme bewirkt die Vegetation und lockt auch angenehme und liebliche Düfte hervor; ebendieselbe Wärme aber, wenn sie in Exkremente und in Aashaftes einfließt, bewirkt Fäulnis ... In gleicher Weise die Wärme und das Licht aus der Sonne des Himmels, welche Liebe ist; wenn die Wärme oder Liebe aus ihr in Gutes einfließt, wie bei guten Menschen und Geistern und bei den Engeln, so befruchtet sie ihr Gutes, wenn hingegen bei Bösen, so bringt sie die entgegengesetzte Wirkung hervor; denn entweder wird sie durch das Böse erstickt oder verkehrt; ebenso das Licht des Himmels, wenn dieses in die Wahrheiten des Guten einfließt, so gibt es Einsicht und Weisheit, fließt es aber in Falschheit des Bösen ein, so wird es in ihm in Unsinn und mancherlei Wahnvorstellungen verkehrt.« Das Höllenfeuer wäre demnach nichts anderes als eine Perversion des von Gott selbst kommenden Einflusses durch das eigenständige Böse im Menschen. Vielleicht lassen Swedenborgs trockene Worte das Furchtbare besser erahnen als jede noch so bilderreiche Beschreibung. - Dennoch, so betont er, wird das höllische Feuer nur von einem höheren Betrachter als solches wahrgenommen; für die Höllenbewohner selbst ist es weder Feuer noch überhaupt ein Brennen, sondern die ihnen eigene und ihnen angenehme Atmosphäre. Wenn aber gelegentlich etwas Wärme aus dem Himmel dort einfließt, so empfinden sie dies als Kälte und inneren Schmerz, ja es bewirkt Verfinsterung und Verblödung.


In der Hauptsache aber bestehen die höllischen Qualen in dem, was die dortigen Geister sich gegenseitig antun, in dem unablässigen Wüten aller gegen alle. Ein jeder will nämlich alle anderen beherrschen, und wenn ihm das nicht gelingt, sie wenigstens in jeder erdenklichen Weise ausbeuten, martern und zugrunderichten. - Aus seiner überreichen Erfahrung beschreibt Swedenborg freilich nur weniges von diesen höllischen Einfällen und Künsten; das meiste, sagt er, sei in der Welt unbekannt und dürfe auch nicht eröffnet werden.

Mit dem Aussehen der Höllenbewohner hat es ebenfalls eine eigene Bewandtnis: Grundsätzlich sind ja auch sie Abbilder ihres Inneren und deshalb erscheinen sie in verschiedenster Weise mißgestaltet, häufig kadaverartig, oder auch als Tiergestalten und monströse Ungeheuer. »Zu wissen ist jedoch, daß die höllischen Geister zwar so gestaltet erscheinen im Lichte des Himmels, unter sich hingegen als Menschen, und dies aus Barmherzigkeit des Herrn, damit sie nicht auch untereinander die scheußlichen Gestalten seien, als die sie den Engeln erscheinen«. - Diese Darlegungen Swedenborgs bieten übrigens einen Schlüssel für vieles aus den mitunter eher grotesk und ungereimt wirkenden Höllenbildern anderer Visionäre.

Auch in dieser Welt gibt es Länder, Städte, Sümpfe, Wüsten usw., wie es eben jeweils dem Innern der Bewohner entspricht. Swedenborgs Schilderungen sind hier von beklemmender Eindringlichkeit, was auch mit der allgemein-psychologischen Tatsache zusammenhängen mag, daß Schilderungen der Hölle immer weit mehr die menschliche Vorstellungskraft anregen und viel 'interessanter' sind, als wenn es sich um den Himmel handelt.

Die höllischen Gesellschaften sind ebenso mannigfaltig und zahlreich wie die himmlischen, wie ja überhaupt nach Swedenborg Himmel und Hölle komplementäre Gebilde darstellen. Erst beide zusammen ergeben das geistige Gleichgewicht, in dessen Mitte der irdische Mensch steht. Dieses Gleichgewicht eben bildet die unerläßliche Vorbedingung seines freien Denkens und Wollens, seiner wirklich freien Entscheidung.


Gottes Herrschaft über die Höllen und das Jüngste Gericht


Eine der unorthodoxen Behauptungen des schwedischen Sehers ist, daß er, wie oben schon angedeutet, die Existenz eines die Welt der Finsternis regierenden Teufels, der ein gestürzter Engel sei, leugnet. Nach seiner Aussage sind selbst die Höllen nicht bei Gott vergessen, der sie auf mehrfache Weise beherrscht und im Zaum hält, und zwar auch durch Engel, die gelegentlich in eine Hölle entsandt werden.


Ebenso wie in der himmlischen Welt gibt es auch für den einzelnen Höllenbewohner gewisse Wechsel und Veränderungen: Er kann in andere Gesellschaften oder überhaupt in andere Höllen versetzt, in einsame Wüsten ausgestoßen werden und anderes mehr. Der Zweck aller göttlichen Maßnahmen aber ist die Erhaltung des oben geschilderten Gleichgewichts in der geistigen Welt.

Dabei darf niemals vergessen werden, daß die Hölle im letzten entstanden ist aus eben dem freien Willen des Menschen, den Gott unter keinen Umständen antastet. Doch gewährt er seinen Schutz: »Man muß wissen, daß die Höllen fortwährend den Himmel angreifen und zu zerstören trachten, und daß der Herr fortwährend die Himmel beschützt, indem Er die, welche darin sind, vom Bösen, das aus ihrem Eigenen kommt, abhält und im Guten, das aus Ihm kommt, festhält«.


In engem Zusammenhang damit steht endlich Swedenborgs sehr persönliche, von aller kirchlichen Theologie stark abweichende Anschauung vom Jüngsten Gericht. Er sagt, es habe schon mehrmals solche Gerichte gegeben, nämlich immer dann, wenn eine Kirche - deren es auch schon mehrere im Lauf der Menschheitsentwicklung gab - den wirklich lebendigen Glauben verloren hat. So hätte z.B. das Gericht über die jüdische Kirche bei der Menschwerdung Christi stattgefunden. Das Gericht über die christliche Kirche aber behauptet Swedenborg im Jahr 1757 in einer sich über Monate erstreckenden Reihe ungeheurer Visionen selbst miterlebt zu haben; er behandelt es in zahlreichen seiner Werke.

Vor allem eines ist dabei überraschend: Dieses Gericht betrifft die lebenden und noch in ihrer irdischen Entwicklung begriffenen Menschen überhaupt nicht, wenigstens nicht direkt; es findet nämlich gar nicht auf Erden, sondern nur in der geistigen Welt statt. Dort ist durch den fortschreitenden Verfall der Kirche das so absolut notwendige Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle gefährlich gestört und muß durch ein allgemeines Gericht Gottes über die Welt der Geister wiederhergestellt werden. Selbst dann verdammt Gott niemanden, ja er trachtet so viele Geister als möglich zu retten; wer aber nicht zu retten ist, stürzt sich selbst in die Hölle.

Bei dieser sehr ungewöhnlichen Lehre fällt die Parallele zu den wiederholten Gerichten des Origenes sofort ins Auge; freilich weicht Swedenborg in anderen Punkten von ihm stark ab. - Ein solches Gericht in der geistigen Welt hat allerdings auch auf Erden gewisse Auswirkungen: Es stellt vor allem die Freiheit des Menschen wieder in vollem Umfang her - eine Behauptung, die den Historiker, der die Geschichte seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts überblickt, schon nachdenklich stimmen könnte. Außerdem aber bedeutet dieses Gericht nach Swedenborg das Heraufkommen einer neuen Kirche.


Für den Himmel geboren


So weit die allzu gedrängte und entsprechend vereinfachte Skizze jener Überfülle an Erkenntnissen, die Swedenborg aus der andern Welt mitzuteilen hat, sowie vom Weg, der jeden Menschen über die Schwelle des Sterbens hinweg in diese Welt hineinführt. Alles, was er dort sieht, ist nie endendes Leben, d.h. ununterbrochene Fortentwicklung, eine ständig sich erhöhende, immer freiere Selbstentfaltung des Individuums und gleichzeitig seine Einordnung in die allumfassende Gestalt des von Gott selbst belebten Größten Menschen - oder aber der selbstgewollte und selbstvollzogene Abfall. Die eigentliche, unwiderrufliche Entscheidung der irdischen Existenz aber besteht darin, ob sich der Mensch schon auf Erden dem Einfluß Gottes öffnet und so nach und nach zu einer höheren Daseinsform gelangt, oder ob er sich gegen dieses Einfließen des Lebens selbst verschließt und so stufenweise innerlich abstirbt und zugrundegeht.


Swedenborg selbst schließt seine Beschreibung des Himmels mit folgenden Worten an seine Leser: »Aus verschiedenen, rein buchstäblich verstandenen Stellen im Wort ziehen einige den Schluß, daß der Himmel nicht unermeßlich groß, sondern klein sei. Es handelt sich dabei beispielsweise um die Stellen, in denen es heißt, daß in den Himmel nur die Armen aufgenommen werden oder nur die Auserwählten, nur die zur Kirche gehören, nur die, für welche der Herr eintritt, daß der Himmel geschlossen werde, wenn er voll sei und daß der Zeitpunkt vorausbestimmt sei. Allein sie wissen nicht, daß der Himmel niemals geschlossen wird, gar keine Zeit vorausbestimmt, keine bestimmte Menge festgesetzt ist, und daß „Auserwählte" heißen, die im Leben des Guten und Wahren sind, und "Arme", die keine Erkenntnisse des Guten und Wahren haben, aber doch nach denselben Verlangen tragen, wie sie denn auch dieses Verlangens wegen Hungrige genannt werden. Wer aufgrund des nicht verstandenen Wortes die Meinung gefaßt hat, der Himmel sei klein, weiß auch nichts anderes als daß der Himmel an einem bestimmten Ort sei, wo der Sammelplatz für alle wäre, während doch der Himmel aus unzähligen Gesellschaften besteht; auch weiß er nichts anderes als daß der Himmel denen, die ihn erlangen, aus unvermittelter Gnade zuteil werde, somit bloß eine Einlassung und Aufnahme nach Wohlgefallen (des Herrn) sei. Auch sehen sie (die Anhänger dieser buchstäblichen Auslegung des Wortes) nicht ein, daß der Herr aus Gnaden einen jeden führt, der Ihn aufnimmt, und daß Ihn aufnimmt, wer nach den Geboten der göttlichen Ordnung lebte, welche die Gebote der Liebe und des Glaubens sind. Auch sehen sie nicht, daß eben dies - vom Herrn geführt zu werden von der Kindheit an bis zum letzten Lebensziel auf Erden und hernach in Ewigkeit - die Gnade ist, die (an jenen Bibelstellen) gemeint ist.

Sie mögen also wissen, daß ein jeder Mensch für den Himmel geboren ist, und daß aufgenommen wird, wer in der Welt den Himmel in sich aufnimmt, und ausgeschlossen wird, wer ihn nicht aufnimmt.«

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